„Wo ist die Flasche, die ich ins Gemüsefach im Kühlschrank gelegt hatte?“, fragte Heinz besorgt. „Sie kann doch nicht verschwunden sein!“
„Du meinst dieses uralte hässliche Ding, auf dem schon Korallen und Muscheln wuchern?“, sagte Herta.
„Exakt das meine ich!“, rief Heinz.
„Es steht in der Garage“, sagte Herta. „Ich habe mich so sehr geekelt.“
„Gott sei Dank!“, sagte Heinz erleichtert. „Es handelt sich nämlich um eine Flasche Champagner von der Orient, dem Flaggschiff Napoleons im Ägyptenfeldzug, das 1798 in der Seeschlacht von Abukir explodiert und gesunken ist. Sie ist Hunderttausende wert. Ich habe unsere gesamten Ersparnisse eingesetzt, um sie zu erwerben. Ich will sie mit Gewinn verkaufen und stehe in vielversprechenden Verhandlungen mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gusenbauer, der mir eine ansehnliche Summe für den Champagner geboten hat. Das konntest du nicht wissen, Herta, Nun sei so gut und hol die Flasche wieder aus der Garage, damit ich sie zurück in den Kühlschrank legen kann.“
„Das wird nicht nötig sein“, seufzte Herta.
„Wieso denn nicht?“, entgegnete Heinz. „Ein so alter Champagner ist äußerst empfindlich und muss kühl gelagert werden.“
„Ich habe mit dem Inhalt deiner Flasche unser Pastinakenbeet gegossen“, sagte Herta. „Die Brühe, die herausgeflossen ist, war schon gefährlich trüb.“
Heinz raufte sich entsetzt die Haare.
„Weißt du, was das heißt? Es bedeutet, dass wir wieder arm sind wie die Kirchenmäuse und dass wir von vorne anfangen müssen!“
„Ach, stell dich nicht so an, Heinz“, erwiderte Herta. „Wenn du Schaumwein willst, dann nimm die zweite Flasche, die noch im Gemüsefach liegt. Ein echtes Schnäppchen, ein Prosecco von Aldi. Wirklich süffig, ich hab ihn schon probiert.“
Michael, 5. Jänner 2024