Narrenturm

Als es mir einmal nicht gut ging, wies ich mich, wie schon bei früheren Anlässen, zur Vorsicht selbst in den Narrenturm ein. 

„Dass Sie sich das trauen!“, bemerkte der Taxilenker, der mich hinfuhr. „Respekt!“ 

„Es ist nicht mehr wie früher“, antwortete ich. „Es gibt keine Ketten und Handschellen mehr, keine Gitterstäbe und keine Kellerverliese. Heutzutage haben sie Internet im Turm, einen Getränkeautomaten, VR-Brillen und ein Fitnessstudio.“ 

„Trotzdem“, sagte der Taxilenker. „Die zeichnen ja sicher alles auf und spielen die Information dann der Krankenkasse zu.“ 

„Ja, das wohl“, räumte ich ein. „Das ist der Preis.“ 

Er ließ mich ein paar Häuser entfernt aussteigen, weil er mit seinem Taxi nicht unmittelbar neben dem Turm gesehen werden wollte. 

Irene, die Pförtnerin, die in Personalunion auch Ärztin, Pflegerin, Reinigungskraft, Wirtschafterin und Seelsorgerin war, fragte mich gleich am Eingang, warum ich denn diesmal hier sei. 

„Ich trinke nachts zu viel Bier“, gab ich zurück. „Dann sehne ich mich nach einer Beziehung mit dir, habe Hummeln im Hintern oder statt der Schmetterlinge Bienen im Bauch und halte es nicht mehr aus, packe eine Flasche Champagner in meine Sporttasche, weise mich selbst in deinen Turm ein und rufe mir ein Taxi. Hier bin ich nun. Ich hoffe, ich gehe dir nicht allmählich auf den Geist.“ 

„Nein, keineswegs“, lächelte Irene und berührte mich sanft am Arm. „Allen anderen, die sich für heute in meinen Turm eingewiesen haben, werde ich aber lieber absagen.“ 

Sie führte mich in mein Lieblingsseparee und reichte mir einen schweren, flauschigen Bademantel. 

„Mach es dir bequem“, sagte Irene. „Ich erledige rasch den Papierkram und die Absagen.“

Mir ging es gleich viel besser. Ich schlüpfte in den Bademantel und holte den Champagner aus meiner Sporttasche. 

Als Irene zurückkam, ebenfalls in einem schweren Bademantel, öffnete ich die Flasche und schenkte uns zwei Gläser ein. 

„In deinem Turm lass ich mich gern zum Narren halten“, rief ich und prostete Irene zu. 

Als sie sich wenige Augenblicke später anschickte, ihren Bademantel fallen zu lassen, ertönte die Türglocke. 

„Nanu?“, seufzte Irene und zog sich den Mantel wieder über die Schultern. „Wer mag das bloß sein? Ich habe doch allen abgesagt.“ 

Ich begleitete sie zur Pforte. Draußen stand der Taxilenker, der mich zum Turm gefahren hatte. 

„Sie haben gesagt, dass es nicht mehr wie früher ist“, erklärte er, als er meiner ansichtig wurde. „Ich habe es mir überlegt. Ich will mich auch einweisen.“ 

„Gute Idee“, lobte ich ihn und klopfte ihm auf die Schulter, „aber bitte erst morgen! Heute habe ich den ganzen Turm gebucht. Für die ganze Nacht.“

Michael, 26. Jänner 2024.

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