Ich bin der Nino und ja, ich gebe es zu, dass ich gern esse, dass ich viel esse, dass ich gern viel esse, zu viel wahrscheinlich, nein, sicher zu viel, viel zu viel, und dass ich nicht mit dem Essen aufhören kann, und schon gar nicht, wenn meine griechische Oma mir ihr legendäres Moussaka zubereitet, mit dem ich aufgewachsen bin, immer, wenn ich nicht mehr weiter wusste, hat meine Oma mir ein Moussaka zubereitet, und ich muss gestehen, dass ich gut wie nie weiter wusste und auch heute nie weiter weiß, und dass mir meine Oma weiterhin täglich ein Moussaka zubereitet, und ja, ich bin schwer geworden, zu schwer, nein, korpulent, oder sagen wir es gerade heraus, ich bin dick geworden, viel zu dick, gefährlich dick, aber ich kann dem Moussaka meiner Oma einfach nicht widerstehen, und mein Hausarzt Doktor Wurstpeller hat zu mir gesagt, wenn so weiterfresse, dann können sie mich bald eingraben, und ich habe gesagt, jeder muss einmal sterben, sogar meine Oma, und ich habe hinzugefügt, dass ich auch gleich sterben möchte, wenn meine Oma tot ist, weil sie mir dann ja kein Moussaka mehr zubereiten kann, wenn sie in der griechischen Heimaterde ruht und dass ich dann auch in der selben Heimaterde ruhen will, im selben Grab wie meine Oma, damit ich ihr wenigstens in alle Ewigkeit nahe sein kann, wenn sie schon kein Moussaka mehr für mich zubereitet, und darauf hat der Doktor Wurstpeller bemerkt, dass ich ohnehin schon viel zu dick sei, um nach Griechenland überführt zu werden, es sei denn, meine Hinterbliebenen seien so reich, dass sie ein eigenes Frachtflugzeug für meine sterblichen Überreste chartern könnten, und ich räumte ein, dass all meine Angehörigen keineswegs reich seien, sondern im Gegenteil bettelarm, und ich fragte Wurstpeller, was ich denn tun könne, um wenigstens ein klein wenig abzuspecken, und Wurstpeller riet mir zu Spaziergängen, in unserer Stadt, sagte er, gäbe es eine große Zahl von öffentlichen Parks, in denen ich wunderbar spazieren gehen könne und ich solle damit sobald wie möglich beginnen, weil angesichts der sich aufbauenden Umweltkatastrophen jede Reise nach Griechenland ohnehin bald illusorisch sei und ich ja vielleicht noch eine Weile weiterleben wolle, was nur möglich sei, wenn ich endlich in die Gänge käme, und weil mir die Worte des Doktors doch ins Gemüt einschlugen, gelobte ich, dass ich mich so bald wie möglich in einen der Parks aufmachen wollte, und ich hielt tatsächlich Wort und brach auf zu meinem ersten Spaziergang in den Freiherr-von-Kalbsbeuschel-Park, der leider ein wenig abschüssig war, was mich in meiner enormen Leibesfülle bald überforderte, und ich steuerte eine Parkbank an, um mich ein wenig auszuruhen und an das nächste Moussaka meiner Oma zu denken, doch schon wenige Augenblicke später, als ich mich mit all meiner Wucht auf der Sitzfläche niedergelassen hatte, ächzte und stöhnte und ruckelte es unter mir, dass ich fast zu Tode erschrak und trotz meines Kampfgewichts sogleich wieder aufsprang und die Bank anstarrte, die weiter ächzte und stöhnte und ruckelte, und ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte die Bank, ob sie ein Lebewesen oder von einem anderen Wesen besessen sei, und zu meinem maßlosen Erstaunen antwortete eine Stimme aus der Parkbank heraus und sagte mir, dass ich mit Wendelin, dem Parkbankgeist spräche, und dass er in der Bank wohnte, in der er sich für immer niedergelassen hätte, dass aber immer wieder korpulente Zeitgenossen des Weges kämen, die sich auf der Sitzfläche niederließen und ihn, Wendelin, schier erdrückten, er sei jedoch ein ausgesprochen zarter Bankgeist, der solche Körpermassen kaum aushalte, und ich sei mit Abstand das dickste Individuum, das sich je auf ihm niedergelassen hätte, und als ich mir das alles angehört hatte, sagte ich zu Wendelin, dass es mir natürlich ungemein leid täte und dass ich mir natürlich eine andere Bank gesucht hätte, wenn ich gewusst hätte, dass er, Wendelin, so empfindlich sei und dass es vielleicht besser wäre, wenn er zu ächzen, zu stöhnen und zu ruckeln anfinge, noch bevor sich jemand auf ihm niederließ, und Wendelin entgegnete, dass er dies natürlich bereits versucht hätte, dass er aber leider so kurzsichtig sei, dass er es jedesmal zu spät bemerkte, wenn sich jemand anschickte, sich auf der Sitzfläche niederzulassen, und an dieser Stelle unterbrach ich ihn aufgeregt und erklärte Wendelin, dass ich ihm da leicht helfen könne, ich hätte eine alte Brille meiner Schwester dabei, die sie ausgemustert hätte, da sie für sie von der Sehstärke her nicht mehr gepasst hätte, und diese Brille wolle ich ihm, Wendelin, herzlich gern überlassen, damit er in Zukunft eher sähe, wenn sich ihm eine korpulente Person näherte, und Wendelin dankte mir überschwänglich, und ich zog die Brille aus dem Etui und setzte sie Wendelin auf, und er sah mich an und sagte, dass er mich klar und deutlich erkennen könne, und ich war gerührt und stolz, und ich würde es, so wahr ich Nino hieße, Nino Mouskouri, auch meiner Schwester Nana erzählen, jetzt aber müsse ich schnell heim zu meiner Oma, weil mich der Hunger gepackt hätte, der Hunger auf ein von meiner Oma zubereitetes Moussaka, und Wendelin, der Bankgeist, wünschte mir einen gesegneten Appetit, und trug mir auf, dass ich meine Schwester Nana herzlich von ihm grüßte und ihr dankte für die rattenscharfe Brille, und ich nickte und nahm meine dicken Beine in die Hand und winkte zum Abschied mit meinen dicken Armen, während mir schon das Wasser im Mund zusammenlief.
Michael, 22. Februar 2024.
Wow, was man doch alles in einem Satz sagen kann! Atemlos!
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Super! Für die jüngeren Leser
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