Axel von der Vogelscheiße, den verstoßenen Sohn der Glucka von der Vogelweide, reute es eines Tages, dass er seinem Bruder und seiner Mutter immerzu Streiche gespielt hatte, anstatt sich auf seine Minnesang-Ausbildung zu konzentrieren, die die Mutter ihm ebenso selbstlos wie seinem Bruder Walther unter größten persönlichen Entbehrungen finanziert hatte.
Irgendwann waren dann die Wissenslücken allerdings so groß, dass Axel ohne Abschluss von der Minnesang-Schule abgehen musste und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt.
Er polierte Schilde von Kreuzrittern, häufig, bevor sie ins gelobte Land zogen, seltener, wenn sie es schafften, aus den Heiligen Kriegen lebend heimzukehren. Er verdingte sich als Sänftenträger für adipöse Bischöfe und schwitzte bei seiner Tätigkeit mit den von ihm Getragenen gleichsam um die Wette. Zwischendurch komponierte er aus Milch, Honig und erlesenen Kräutern eine Gesichtspaste, die er im Direktvertrieb an Burgfräulein veräußerte, die damit ihren blassen Teint für potentielle Freier noch weiter ausbleichen und entfärben wollten.
Irgendwann jedoch reifte in Axel von der Vogelscheiße die Erkenntnis, dass seine wahre Bestimmung doch Musik und Gesang waren. Da ihm die Hohe Minne aufgrund des fehlenden Diploms verwehrt blieb, sann er fieberhaft auf eine Musikform, die seinem Ausbildungsgrad entsprach.
Ihm fiel jedoch nichts ein. Also begann er ohne Ziel durch Niederösterreich zu ziehen, mit dem Wunsch auf seiner Reise das für ihn Richtige zu entdecken.
Irgendwann gelangte er nach Dürnstein, wo er an der Burg aus einem Kellerfenster ein seltsames rhythmisches Gegröle hörte, das er zunächst für den Lärm einer heißgelaufenen mittelalterlichen Wärmepumpe hielt. Nachdem er eine Zeitlang aufmerksam seine Ohren gespitzt hatte, wurde ihm auf einmal bewusst, dass es menschliche Laute mit Worten in einer fremden Sprache waren.
Als die Geräusche plötzlich abebbten, fragte Axel von der Vogelscheiße durchs Kellerfenster hinunter in die Tiefe, wer denn dort unten säße.
Er sei der Geist von Richard Löwenherz, antwortete jemand, und er werde so lange weitersingen, bis ihn jemand erlöste.
„Löwenherz?“, fragte Axel erstaunt zurück. „Der ist doch längst nach England heimgekehrt!“
„Nur der Körper“, sagte der Geist. „Ist dir nicht zu Ohren gekommen, wie geistlos er neuerdings regiert?“
„Doch, stimmt“, räumte Axel von der Vogelscheiße ein. „Er trifft sich, so hört man, alle Nase lang im Wald mit einem grünberockten Vermögensverteiler und turnt mit ihm über die Bäume. Es heißt schon, die beiden wären heimlich ein Paar.“
„Siehst du?“, sagte der Geist. „Der König braucht mich, ich muss wieder für ihn denken, ich bin sein Geist. Also, sieh bitte zu, dass du mich erlöst!“
„Wie geht das?“, fragte Axel.
„Trag die Musik, die du von mir gehört hast, hinaus in die Welt.“
„Musik? Na, ich weiß nicht recht. Aber meinetwegen!“, erwiderte Axel von der Vogelscheiße und setzte einen Augenblick später hinzu: “Ich kann und will es aber nicht alleine machen. Du musst mich unterstützen. Wir bilden ein Duo.“
„Ich werde als erstes zu dir hinaufschweben“, sagte der Geist. „Dann reden wir weiter.“
Axel wartete, bis der Geist oben vor dem Kellerfenster eingetroffen war. Dann stellte er sich vor.
„Axel von der Vogelscheiße ist der Name“, sagte er. „Ehemaliger Tunichtgut.“
„Der Name ist nicht schlecht“, antwortete der Geist, „aber da geht noch mehr. Ich hab’s. Wir nennen uns Axel von der Hühnerkacke und der Geist von Richard Löwenherz. Du wirst sehen: Unter diesem Namen rocken wir Europa.“
„Aber die Musik?“, zweifelte Axel. „Wir können ja keinen Minnesang produzieren, weil uns dazu die Lizenz fehlt. Wie also nennen wir das, was wir spielen?“
„Das ist einfach“, strahlte der Geist. „Statt Minnesang spielen wir Minnepunk.“
„Genial!“, rief der frischgebackene Axel von der Hühnerkacke. „Das könnte funktionieren!“
„Wir gehen auf Tournee“, sagte der Geist, „und sehen zu, dass wir ordentlich Kohle machen, bis wir London erreichen. Dort werde ich mich dann mit meinem geistlosen Königskörper wiedervereinigen.“
„Einverstanden!“, sagte Axel. „Los geht’s!“
Sie setzten ihren Plan sofort in die Tat um und heuerten ein Dutzend Plakatherolde an, die das Duo in allen größeren Städten ankündigten.
Der Minnepunk von Axel von der Hühnerkacke und dem Geist von Richard Löwenherz wurde ein europaweiter Erfolg. Überall, wo sie spielten, wollten die Leute nichts anderes mehr hören. Dies musste sogar Axels Bruder Walther von der Vogelweide einsehen, nach dessen lauwarmen Liedern eine Zeitlang kein Hahn mehr krähte.
Schließlich erreichte das Duo nach Hunderten von erfolgreichen Auftritten England. Den Körper des Königs Richard Löwenherz trafen sie allerdings nicht in London, sondern erst im Wald von Nottingham, dem sogenannten Sherwood Forest. Der grünberockte Vermögensverteiler, in den der Körper des Königs fast ein wenig ungebührlich verliebt war, sang beim großen Abschlusskonzert im Wald zusammen mit seinen ebenfalls grünberockten Forstkumpanen den Backgroundchor zum Minnepunk. Alle grölten im Bass oder in irgendwelchen anderen undefinierbaren tiefen Stimmlagen, nur der Körper von Richard Löwenherz sang in dünnem Falsett, was aber wegen der gewaltigen Lautstärke der übrigen niemand hörte.
Nach dem Konzert vereinigten sich Körper und Geist zum König Richard Löwenherz, der daraufhin schließlich wieder normal tickte und sich fragte, was um alles in der Welt er eigentlich in Wald verloren hatte. Er kehrte unverzüglich nach London zurück, um endlich wieder anständig zu regieren.
Zuvor ernannte er noch Axel von der Hühnerkacke, der somit ausgesorgt hatte, zum neuen Sheriff von Nottingham. Seinen Vorgänger, der mit den grünberockten Vermögensverteilern völlig überfordert gewesen war, degradierte er zum Pferdeparkplatzwächter am Bogenschießplatz vor dem Schloss.
Michael, 24. Mai 2024