Die Macht der Unterschrift

Einmal betrat das Büro der Schauspielergewerkschaft eine Person, die so durch­sich­tig war, dass sogar die Sekretärin, Frau Piscator, die einiges gewohnt war, hef­tig erschrak. Sie forderte die Person, von der sie nicht mit Bestimmtheit sagen hätte können, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte, auf, doch Platz zu nehmen.

Die Person ließ in den bereitstehenden Lehnsessel fallen, über­kreuz­te die Beine und riss ruckartig ihren Trenchcoat auf.

„Etwas Exhibitionistisches also auch noch“, seufzte Frau Piscator in Gedanken. „Einen Tag nur wünsche ich mir, an dem jemand normales in dieses Büro kommt!“

Sie bemerkte, dass die Person unter dem Mantel über gar keinen richtigen Leib verfügte und dass alles, was ihr noch irgendwie anhaftete, diffus waberte. Nach außen wahrte die Se­kre­tärin die Contenance.

„Was kann ich für Sie tun? Was führt Sie zu uns?“

„Das sieht man doch!“, blaffte die Person. „Ich löse mich auf und ich brauche eine neue Rolle!“

„Wir sind eine Schauspielergewerkschaft“, sagte Frau Piscator. „Kei­ne Anlaufstelle für parapsychologische Probleme und keine Castingagentur!“

„Was könnt ihr dann überhaupt?“, rief die feinstoffliche Person. „Ihr könnt nichts!“

„Wir können zum Beispiel helfen bei Gagenproblemen“, erklärte die Se­kretärin, „bei ausbeuterischen Überstundenregelungen, bei sexistischen Übergrif­fen und überhaupt bei Demütigungen jedweder Art.“

„Niemand hat mich jemals gedemütigt“, rief die durchsichtige Person, „und wer denkt bei einer wie mir wohl abseits der Bühne an einen sexistischen Übergriff? Und eine Gage brauche ich nicht. Ich spiele immer umsonst und gebe immer mein Bestes.“

„Fein“, sagte Frau Piscator. „Ich glaube Ihnen. Versuchen wir es anders. Was ha­ben Sie denn schon gespielt auf dem Theater?“

„Ibsen“, sagte die durchsichtige Person, „hauptsächlich Ibsen, nein, eigentlich immer ausschließlich Ibsen.“

„Und welches Stück von Ibsen?“

„Oft Gespenster, nein, meistens Gespenster, nein, im­mer Gespenster.“

„Sie haben in Ihrer gesamten Bühnenlaufbahn immer nur in den Gespenstern mitgespielt? Das ist ja krank!“

„Ja, verstehen Sie es denn nicht?“, rief die durchsichtige Person verzweifelt. „Ich bin ein Kind der Gespens­ter. Ich wurde in dem Stück gezeugt. Meine Eltern sind Osvald und Regine, die beiden Halbgeschwister.“

„Himmel!“, sagte Frau Piscator. „Das klingt in der Tat nach einem ausgewachsenen Problem.“

„Sehen Sie nur!“, sagte das Kind von Osvald und Regine und wies vehement auf seine Leibesmitte. „Während unseres Gesprächs habe ich mich schon wieder ein Stück weit entstofflicht!“

„In der Tat!“, räumte Frau Piscator ein und gab sich einen Ruck. „Nun ist rasches Handeln gefragt!“

Sie wandte sich ihrem Computer zu und begann zu tippen. Wenige Minuten später drehte sie sich mit entspannter Miene wieder der durchsichtigen Person zu.

„Ich konnte Sie in einem unserer dra­matischen Heime unterbringen! Sie werden in einer halben Stunde abgeholt. Sie müssen bloß noch hier unterschreiben.“

„Danke“, sagte die durchsichtige Per­son mit matter Stimme und setzte mit großer Mühe ihren Namen auf das Papier, das Frau Piscator ausgedruckt und hingelegt hatte. „Was erwartet mich dort?“

„Unsere dramatischen Heime“, erklärte Frau Piscator, „sind jeweils berühmten Dramatikern und Ihren Stücken gewidmet. Für Sie habe ich das Ionesco-Heim ausgesucht. Dort können Sie sich in aller Ruhe wieder verstofflichen und in ein Nashorn verwandeln.“

„Sehen Sie nur!“, sagte das Kind von Osvald und Regine schon zum zweiten Mal und wies wieder vehement auf seine Leibesmitte. „Mir wächst schon eine dicke Haut, die aussieht wie ein Panzer!“

„Sobald man sich entschieden hat, geht alles schnell“, sagte Frau Piscator lächelnd. „Das ist die Macht der Unterschrift.“

Michael, 19. Juli 2024

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