Wieder durchstreife ich die Wiedehopfinger Au und passiere an ihrem Rand einen anderen Hochstand als ein paar Wochen zuvor. Abermals klettert der mir bereits bekannte Jäger gerade herunter. Diesmal hängt zu meinem Erstaunen über seiner Schulter ein Gewehr.
„Waidmanns Heil!“, grüße ich salopp, obwohl mir derlei nicht zusteht. „Diesmal bewaffnet unterwegs?“
Das Wild sei schlau geworden, seufzt er. Es äse jetzt nur noch hinter elektrisch geladenen Weidezäunen auf frischen, für die Rinder abgegrenzten Wiesen. Er als Jäger hätte sich also etwas einfallen lassen müssen. Es sei aber nicht so, wie ich vielleicht dächte, setzt er hinzu, sein Gewehr sei nämlich nicht geladen.
Er hebt seinen Feldstecher, blickt hindurch und wird plötzlich von einer Unruhe ergriffen. Er hätte jetzt keine Zeit mehr für weitere Erklärungen, ruft er, schiebt mich wie beim letzten Mal zur Seite und rammt das Hinweisschild mit der Aufschrift Achtung, Treibjagd! in den Boden. Dann zieht er ein Bajonett aus der Tasche und pflanzt es an der Spitze seines Gewehres auf.
Ich befürchte Schlimmes für das Wild. Der Jäger rennt los und zieht dabei die mir bereits bekannten elliptischen Bahnen. Allmählich verliere ich ihn in der Ferne aus den Augen.
Ich hoffe inständig, dass die Rehböcke schneller sind als er und dass sie nicht von ihm aufgespießt werden. Ich genehmige mir einen Schluck Zirbengeist und folge wieder dem Weg am Rand der Au.
Geraume Zeit später kommt mir der Jäger mit hängender Zunge wieder entgegen. Er sieht übel zugerichtet aus, von Kopf bis Fuß mit Schmutz bedeckt. Ich frage ihn, was passiert sei und ob die Jagd denn nicht erfolgreich gewesen sei.
Grundsätzlich schon, keucht er. Er hätte die beiden äsenden Rehböcke hinter dem schützenden Weidezaun aufgespürt. Wie beabsichtigt hätte er den Draht mit seinem Bajonett in die Höhe gerissen und sei unter dem Zaun hindurchgeschlüpft, ohne einen Stromschlag zu erhalten. Dann hätte er die Böcke gejagt, weit genug weg. Dabei hätte er mit dem Bajonett weitere Drähte von Weidezäunen in die Höhe gerissen und manche sogar durchtrennt. Schließlich sei er an jene Stelle zurückgekehrt, von der aus er zuvor die äsenden Böcke gestellt und in die Flucht geschlagen hätte. Gerade als er sich wie gewöhnlich zum Boden gebeugt hätte, um sich an dem saftigen Gras gütlich zu tun, sei er mit seinen Joggingschuhen auf dem nassen Untergrund ausgerutscht und mit dem Kopf voran mitten in einen Kuhfladen gefallen. Dabei hätte der Kuhdung sogar seine Lippen passiert und sei in seinen Mund eingedrungen. Noch nie zuvor in einem Leben hätte er etwas dermaßen Ekelhaftes geschmeckt. Davon sei ihm auch der Appetit auf das in der Umgebung dieser Stelle sehr einladend wirkende Gras vergangen. Er wisse nicht, ob das Verlangen nach frischem Gras dort je wieder über ihn käme.
Die Jagd sei ein forderndes Geschäft, sage ich voller Mitleid und frage den Jäger, ob ich ihm irgendwie behilflich sein könne. Er verneint. Er sei ein ganzer Kerl und müsse seinen Kummer allein ausbaden, setzt er hinzu, es sei bereits sehr anständig von mir, dass ich ihn nicht verspottete oder auslachte.
Ich nicke, tippe mir mit zwei Fingern an die Stirn und empfehle mich.
Michael, 20. Juni 2025