Meinem Vater gewidmet, der sich eine Geschichte mit den Namen Vaupel und Krusebecker gewünscht hat
Die Direktorin des Naturhistorischen Museums in Wien, Frauke Vaupel, eine Beuteösterreicherin, die aus Castrop-Rauxel stammte, bezeichnete sich, wenn sie sich jemandem vorstellte, als eine Nachteule. Weil sie sich selbst so einschätzte, verlegte sie ihre Arbeitszeiten konsequent immer häufiger in den lichtlosen Abschnitt des Tages, bis sie irgendwann nur noch nachts überhaupt im Museum anzutreffen war. Ihre besondere Leidenschaft hatte stets den Vögeln gegolten; unter diesen hatten es ihr vor allem die mehr als zehntausend Stopfpräparate angetan, von denen allerdings drei Viertel permanent im Tiefspeicher verwahrt wurden.
So kam es, dass Frauke Vaupel 25 Meter unter der Erdoberfläche auf einer freien Fläche auf einem Flur ein kleines Zelt bezog. Eine besondere Vorliebe hegte sie für die verschiedenen Pinguine, die ihrer Meinung nach von ihren Vorgängern nur mangelhaft beschrieben, klassifiziert und inventarisiert worden waren; dieses Manko wollte die Direktorin Vaupel in Eigenregie beseitigen.
Da sie allem Elektronischen grundsätzlich misstraute, erstand sie auf Museumskosten ein bauchiges Regal und einen großzügigen Vorrat an Karteikästen nebst den zugehörigen Karten, auf denen sie die Ergebnisse ihrer Forschungen festzuhalten gedachte. Sie nannte ihr System nach dem Anfangsbuchstaben des Wortes „Pinguin“ Rundablage P. Als erstes klassifizierte sie die in zahlreichen ausgestopften Exemplaren vorhandenen Eselspinguine neu, was erstaunlich leicht vonstatten ging und Frauke Vaupel große Freude bereitete.
Als sie sich danach den Zügelpinguinen widmete, fingen die Probleme an. Jedesmal, wenn sie sich von den entsprechenden Stopfpräparaten abwandte, um Eintragungen in ihren Karteikarten vorzunehmen, fühlte sie sich beobachtet. Wenn sie sich wieder zu den Zügelpinguinen herumdrehte, schien alles wieder normal. Eine Zeitlang ging es so dahin, bis Frauke Vaupel eine Idee hatte, wie sie dem immer wiederkehrenden Phänomen endgültig auf die Schliche kommen konnte. Sie besorgte sich einen Taschenspiegel, den sie unauffällig griffbereit auf ihrem Schreibtisch platzierte. Als sie das nächste Mal das Gefühl hatte, dass ihr bei ihrer Arbeit jemand über die Schulter blickte, riss sie blitzschnell den Spiegel in die Höhe und sah, dass die ausgestopften Zügelpinguine sich hinter sie geschart hatten und ihr wilde Grimassen schnitten. Sie ließ den Spiegel wieder sinken und drehte sich zu ihren toten Schützlingen herum, die nun aber wieder regungslos an ihren ursprünglichen Plätzen standen. Frauke Vaupel wiederholte den Trick mit dem Spiegel noch einige Male, jedes mit dem selben Ergebnis, dass die Pinguine ihr hinterrücks bedrohlich nahe rückten und sie mit grotesken Entgleisungen ihrer dümmlichen Gesichter offensichtlich vorsätzlich schmähten und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit behinderten.
Die ehrgeizige Museumsleiterin, die ihr Herzensprojekt ernsthaft gefährdet sah, überlegte, was zu tun sei. Schließlich fiel ihr ein, dass ein ehemaliger Studienkollege aus Castrop-Rauxel, Gracchus Krusebecker, ebenfalls als Beuteösterreicher ein Wiener Museum leitete. Sie rief ihren Kollegen gleich am nächsten Morgen an seinem Arbeitsplatz in der Hofjagd und Rüstkammer an und fragte ihn um seinen Rat. Krusebecker, der neben seiner Tätigkeit im Museum in seiner Freizeit der Jagd und der Esoterik frönte, wusste sofort, was mit den Zügelpinguinen nicht stimmte.
„Sie wurden damals nicht richtig totgeschossen, als sie bejagt wurden“, sagte Gracchus Krusebecker. „Deswegen erwachen sie auch heute noch gelegentlich zum Leben.“
„Das ist entsetzlich, Gracchus!“, seufzte Frauke Vaupel. „Wie soll ich diese Viecher richtig katalogisieren, wenn sie mir ständig hinter meinem Rücken lange Nasen drehen?“
„Ich kann dir helfen, Frauke“, bot Krusebecker an. „Ich schieße sie für dich noch einmal tot.“
„Das geht?“, fragte Frauke Vaupel skeptisch nach.
„Natürlich geht das!“, erwiderte ihr Kollege. „Wir brauchen bloß besondere Kugeln, die einen Bezug haben zu dem Ort, von dem die Tiere stammen. Weißt du denn, woher sie kommen?“
„Von den südlichen Sandwich-Inseln, soviel ich weiß.“
„Ausgezeichnet“, rief Krusebecker, den das Jagdfieber gepackt hatte. „Ich werde also Kugeln für dich gießen, die wir zur Abkühlung im Kühlschrank in Sandwiches einbetten. Heute abend komme ich zu dir in dein Museum und schieße alle Pinguine noch einmal für dich tot.“
Krusebecker hielt Wort und tauchte am Abend mit einer doppelläufigen Jagdflinte, die er von seinem Urgroßvater, einem zweiten Jägerburschen namens Max geerbt hatte, im Naturhistorischen Museum auf. In seinem Rucksack führte er eine gewaltige Anzahl an besonderen Kugeln mit sich, der er tagsüber in Sandwiches eingebettet in seinem Kühlschrank für den geplanten Einsatz vorbereitet hatte. Zur Tarnung setzte sich Gracchus Krusebecker mit geladener Flinte neben Frauke Vaupel an deren Schreibtisch und tat so, als würde er sie bei ihren Aufzeichnungen unterstützen.
Als Letztgenannte durch ein Wedeln mit dem Taschenspiegel das vorher verabredete Zeichen gab, drehte Krusebecker sich herum und eröffnete das Feuer auf die Grimassen schneidenden Zügelpinguine, in der festen Überzeugung, sie durch den Einsatz der besonderen Kugeln nachträglich endgültig zur Strecke zu bringen.
Das Gegenteil war der Fall. Durch den Kontakt mit den sandwichbehandelten Kugeln, die sie durchsiebten, erlangten die Zügelpinguine schier exponentiell wachsende Kräfte, die sie nutzten, um in kaum mehr vorstellbaren Ausmaß dämlich zu grinsen und Frauke Vaupel und Gracchus Krusebecker dabei auf die Pelle zu rücken.
Als die beiden kaum noch Luft bekamen und zu ersticken drohten, griff Frauke Vaupel in höchster Not zu dem auf ihrer Schreibtischplatte befindlichen Tacker und jagte gnadenlos Heftklammern in die völlig übergeschnappten ausgestopften Pinguine. Schließlich gelang es der beherzten Museumsleiterin, die Pinguine so aneinanderzuheften, dass sie ein bewegungsunfähiges Ganzes bildeten. Gracchus Krusebecker, der in einer der Schubladen einen Eimer mit Superkleber entdeckt hatte, übergroß die mittlerweile bierernst dreinblickenden Stopfpräparatvögel mit der durchsichtigen Masse und machte sie damit vollends bewegungsunfähig.
Frauke Vaupel und Gracchus Krusebecker fielen einander vor Erleichterung spontan in die Arme und wurden dabei so sehr voneinander elektrisiert, dass sie ihrer Annäherung einen ungeplanten Geschlechtsakt folgen ließen, dem später weitere geplante Vereinigungen folgten.
Frauke Vaupel verlegte als Reaktion auf die nervenaufreibenden Vorkommnisse ihren Arbeitsplatz wieder in die oberen Räumlichkeiten des Museums und arbeitete wieder bei Tage. Die notwendigen Nachschauen im Tiefspeicher ließ sie von zwei willigen Ferialpraktikanten durchführen, die ihr regelmäßig Bericht erstatten mussten.
Die Katalogisierung aller vorhandenen Pinguinpräparatbestände war just an dem Tag abgeschlossen, an dem Frauke Vaupels Mutterschaftskarenz anfing. Dass in ihren Aufzeichnungen ein Abschnitt über die Zügelpinguine fehlte, die man diskret in einer Müllverbrennungsanlage entsorgen hatte müssen, fiel niemandem auf.
Michael, 1. August 2025
Der Vater dankt und geht mit einem Lächeln ins Bett.
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