Der Pfauenmörder Heckenklesch

Bei den Gebrüdern Schwitzknirscher, die die Imbissbude meines Vertrauens be­treiben, ließ ich mir neulich um die Mittagszeit an der Verkaufstheke eine He­rings­semmel herrichten, in die ich zwecks Geschmacksverfeinerung zwei hauch­dünne Scheiben Avocado hineinreklamierte.

Ich bezahlte und wollte gerade den ersten Biss in meine Semmel tätigen, als ein Mann mir auf die Schulter tippte und mich aufforderte, die von mir gerade erst erstandene Köstlichkeit sofort her­zugeben. Zur Bekräftigung seiner Forderung hielt er mir einen rostigen Revolver unter die Nase.

„Meine Semmel mit zwei extra Scheiben Avocado“, erwiderte ich ungerührt, „gebe ich keinem dahergelaufenen Feigling heraus, der mich mit einem rostigen Revolver bedroht!“

„Ja, weißt du denn nicht, wen du vor dir hast?“, rief der Fremde wutentbrannt. „Ich bin der Pfauenmörder Heckenklesch, ich habe Hunger und ich schieße, wenn ich vorher damit drohe!“

„Schieß meinet­wegen“, sagte ich. „Ich werde jedenfalls nicht nachgeben und schlimmstenfalls gemeinsam mit meiner Fischsemmel das Zeitliche segnen!“

Ich sah mich um, um herauszufinden, ob einer von den Gebrüdern Schwitzknirscher mir vielleicht zu Hilfe kommen wollte. Heckenklesch nutzte den kurzen Moment, in dem ich un­auf­merksam war, ließ den rostigen Revolver fallen, entriss mir meine Semmel und suchte blitzartig das Weite. Angesichts solcher Impertinenz schnappte ich nach Luft.

Noch ehe ich die Ver­fol­gung aufnehmen konnte, pflanzte sich plötzlich Pippo Schwitzknirscher, einer der Gebrüder vor mir auf.

„Es tut mir so leid“, seufzte er, „dass dir dies ausge­rech­net vor unserer Imbissbude widerfahren ist. Ich drücke dir die Daumen, dass du den Pfauenmörder Heckenklesch bald dingfest machst. Du bist nämlich nicht der erste, dem er vor unserer Bude eine Fischsemmel geraubt hat, aber der erste, der zwei Scheiben Avocado in seiner Semmel hatte. Du würdest uns allen einen großen Gefallen erweisen.“

Ich wusste, dass Pippo Schwitzknirscher nicht der allerschnellste und auch nicht der allerhellste war, wollte ihn aber nicht direkt vor den Kopf stoßen.

„Wenn ich Heckenklesch noch erwischen will, muss ich nun allmählich los“, rief ich. „Das verstehst du doch, oder?“

„Klar“, sagte Schwitzknir­scher und gab mir den Weg frei. „Ich wünsche dir viel Glück und Ausdauer. Und wenn du nicht mehr weiter weißt, komm einfach hierher zurück. Deine nächste Fischsemmel geht dann garantiert aufs Haus!“

Ich nickte, hob den rostigen Re­vol­ver auf und nahm die Beine in die Hand. Da Heckenklesch wohl in der Zwi­schenzeit einen ansehnlichen Vorsprung herausgelaufen haben musste, beschloss ich, intuitiv vorzugehen.

„Wer raubt“, dachte ich, „bereut. Und wer bereut, der beichtet.“

Heckenklesch, schlussfolgerte ich, würde also als erstes geistlichen Bei­stand suchen. Und wo, wenn nicht in der nahegelegenen Erntrudiskirche? Dazu kam noch, dass er in einem Beichtstuhl die geraubte Fischsemmel unbeob­achtet verzehren konnte.

Ich wusste eine Abkürzung, die ich ohne zu zögern einschlug.

Mein Gespür brachte mich tatsächlich auf die richtige Fährte. In der Kirche ange­kommen sah ich gerade noch, wie eine der Beichtstuhltüren von innen zugezogen wurde.

Der mährische Aushilfsgeistliche Bronislaw Šmirgl, der den ganzen Tag wie ein Waran hinter einer Stechpalme verborgen auf der Lauer nach Beichtlin­gen lag, setzte sich sofort vor Vorfreude züngelnd in Richtung Beichtstuhl in Be­wegung. Ich fing Šmirgl gerade noch ab, steckte ihm einen Fünfziger in die Sou­tane und beorderte ihn zurück hinter die Stechpalme. Ich wollte seinen Platz ein­nehmen, um den Pfauenmörder im richtigen Augenblick zu überrumpeln.

Den Beweis, dass Heckenklesch tatsächlich im Beichtstuhl saß, fand ich auf dem Bo­den vor der Tür. Dort lag eine dünne Scheibe Avocado. Ich betrat das schrank­ar­tige Möbelstück auf der Priesterseite und wartete auf die übliche Begrüßung durch den Beichtling.

Heckenklesch wusste Bescheid und sprach die Formel mit der Erwähnung aller Mitglieder der Heiligen Dreifaltigkeit. Ich erwiderte mit den vorgeschriebenen Worten zur wahren Erkenntnis und zur Barmherzigkeit. Dann nahm ich das Beichtgespräch auf und fragte Heckenklesch nach seinen Verfeh­lun­gen.

„Ich habe geraubt, eine Heringssemmel geraubt“, sagte der Pfauenmör­der. „Ich bemühe mich um die nötige Reue, die sich allerdings nicht einstellen will, angesichts der appetitlichen Fischsemmel, die so verführerisch duftet und die ich unbedingt verzehren will. Ich bitte ausnahmsweise um die Absolution, auch wenn ich mir das geraubte Gut einverleiben will.“

Ich setzte an zu einer Brandrede gegen den Raub im Allgemeinen und schärfte dem Pfauenmörder ein, dass er die erbeutete Heringssemmel auf gar keinen Fall essen dürfe. Ein derartiges Vorgehen sei eine weitere schwere Sünde wider den Herrn.

„Du kommst ins Fegefeuer, wenn du die Semmel isst, mein Sohn!“, rief ich zu Heckenklesch hinüber. „Dort ist es alles andere als angenehm! Verstehst du das?“

Der Pfauenmörder bejahte.

„Im Fegefeuer gibt es auch Heringssemmeln“, setzte ich fort. „Mit und ohne Avocadoscheiben. Du darfst dort an ihnen riechen. Wenn du aber hineinbeißen willst, fliegen sie sofort weg. Verstehst du das?“

Wie­der stimmte Heckenklesch zu. Ich trieb ihn weiter in die Enge, fragte ihn jedes­mal, ob er verstehe, was ich ihm gerade ausgeführt hätte. Der Pfauenmörder be­jahte stets, wenn auch immer weniger deutlich. Irgendwann drangen von drüben Geräusche herüber, die an ein Handgemenge erinnerten; ich war aber so sehr in Fahrt, dass ich dem keine Beachtung schenkte und meinen beichtväterlichen Ser­mon unerbittlich fortsetzte. Heckenklesch stimmte weiterhin allem zu, was ich ihm hinwarf. Allerdings artikulierte er sich nur noch undeutlich; alles, was er von sich gab, klang wie „Mmmmh!“

Ich setzte zu meinem finalen Argument an.

„Wenn du irgendwann nach deinem Ableben vor deinen Schöpfer trittst“, rief ich in unangemessener Lautstärke, „um Rechenschaft abzulegen über deine Taten, dann wird der Herr dich fragen, ob du bereust, und wenn du dann ant­wor­test, dass du die Fischsemmel gegessen hast, die du zuvor geraubt hast, dann fährst du sofort zur Hölle, für immer! Verstehst du das?“

Von drüben kam ein weiteres schwaches „Mmmmh!“

Langsam kamen mir die kargen Antworten des Pfauenmörders doch ein wenig seltsam vor und ich beschloss, nachzusehen, ob mit meinem Beichtling noch alles in Ordnung war. Ich zückte den rostigen Revolver und begab mich hinüber in den anderen Teil des Beichtstuhls und fand dort eine gefesselte Person vor, der ein Klebeband auch noch den Mund verschloss.

„Nie im Leben“, dachte ich, „ist das der Pfauenmörder Heckenklesch!“

Ich befreite die Person von den Fesseln und dem Klebeband und erkannte, dass es sich um den Hilfsgeistlichen Šmirgl han­delte.

„Was um alles in der Welt ist geschehen? Wo ist Heckenklesch?“

„Böse Mensch!“, rief Šmirgl aufgeregt züngelnd, „Ich haben neugierig und angeschli­chen Beichtstuhl zu lauschen die Gespräche. Böse Mensch drinnen aufstoßen Tür, mich packen und niederrangeln und Mund zukleben und fesseln. Sagen ich fette Waran. Soll schmoren in Hölle!“

Er hielt mir eine Avocadoscheibe hin.

„Nehmen und essen. Böse Mensch sagen nix mehr Appetit! Semmel stinken wie alte Fisch, müssen werden los!“

Ich hatte genug gehört, ließ Šmirgl eiskalt stehen und rannte einer plötzlichen Eingebung folgend sofort zurück in Richtung Im­bissbude.

Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig. Olaf Schwitzknirscher, der an­dere der beiden Gebrüder, händigte dem Pfauenmörder Heckenklesch gerade den Betrag aus, den ich für die Heringssemmel zuvor bezahlt hatte.

„Hab ich dich, Heckenklesch!“, rief ich und brachte den rostigen Revolver in Anschlag. „Nie­mand gibt ungestraft meine Fischsemmeln zurück!“

„Schieß nur“, lachte Hecken­klesch unbeeindruckt und steckte das Geld ein. „Der rostige Revolver ist doch gar nicht geladen!“

„Weißt du was?“, schrie ich und schlug ihm mit dem Revolver so fest gegen sein linkes Knie, dass er laut aufjaulte. „Aber ich bin geladen! Ich wet­te, du bist gar kein Pfauenmörder! Du bist ein hundsgewöhnlicher Angeber!“

Ich schlug ihm auch noch gegen das andere Knie. Heckenklesch knickte ein, ging zu Boden und wand sich vor Schmerz.

„Ich muss mich auch noch kurz zu Wort mel­den, meine Herren“, sagte Olaf Schwitzknirscher plötzlich hinter der Theke. „Die von mir zurückgenommene Semmel ist leider inkomplett, ich habe sie soeben auf­geklappt. Es fehlen zwei Scheiben Avocado!“

Ich zuckte die Schultern und schenkte Schwitzknirscher den rostigen Revolver.

Michael, 5. Dezember 2025

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