„Wo bin ich?“, mümmelte der Hase. „Es ist ziemlich komisch hier, gar nicht hasenkonform.“
„Du sitzt in der Klemme“, sagte sein Über-Ich. „Hättest du nur vorher auf mich gehört!“
„Stimmt“, mümmelte der Hase, „ich kann mich keinen Spaltbreit bewegen, weder vorwärts noch zurück. Der Raum, in dem ich mich befinde, ist spitz und eng. Als Hase bin ich aber eher rund und breit. Auf Dauer werden dieser Raum und ich nicht warm werden miteinander.“
„Richtig erkannt!“, lobte das Über-Ich. „Du hast als Denker Potential.“
„Bei dem Material, aus dem dieser spitze Raum besteht“, mümmelte der Hase, „handelt es sich um eine Art von Keratin.“
„Du bist ein ganz Schlauer“, bestätigte das Über-Ich. „In diesem Fall nützt es dir aber gar nichts. Hasen ziehen im Lauf ihres Lebens ja oft die Arschkarte.“
„Ja, ja! Ich weiß übrigens immer noch nicht wirklich, wo ich bin“, mümmelte der Hase. „In irgendeiner komischen Keratinspitze. Ich glaube, ich habe irgendetwas Wichtiges vergessen und bin deshalb in diese missliche Lage geraten.“
„Wie recht du hast“, sagte das Über-Ich. „Soll ich dir einen Tipp geben und dir ein wenig auf die Sprünge helfen?“
„Ja, unbedingt“, mümmelte der Hase, „es wird hier langsam ungemütlich und ein Hasenleben dauert auch unter normalen Umständen nicht besonders lang.“
„Welche Tageszeit haben wir?“, fragte das Über-Ich.
„Später Abend“, mümmelte der Hase. „Wieso?“
„Und was tun kleine Hasen üblicherweise am Abend?“
„Mist!“, mümmelte der Hase. „Der Fuchs! Ich habe vergessen, ihm gute Nacht zu sagen!“
„Ganz genau“, bestätigte das Über-Ich. „Und der Fuchs war sauer, weil du ihn vergessen hast und hat dich gejagt. Und zwar genau hierhin, wo du jetzt bist.“
„Verdammt!“, mümmelte der Hase. „Jetzt hab ich endlich begriffen, wo ich bin! Im Bockshorn! Er hat mich ins Bockshorn gejagt!“
„Bingo“, sagte das Über-Ich. „Du hast es kapiert!“
„Das ist das Ende!“, mümmelte der Hase. „Aus dem Bockshorn komme ich doch nie mehr wieder raus!“
„Heute ausnahmsweise doch“, sagte das Über-Ich, „damit unsere Geschichte eine brauchbare Moral hat.“
„Und wie?“, mümmelte der Hase.
„Mit Hilfe der reversiblen Zeitlupe“, sagte das Über-Ich.
„Mensch!“, mümmelte der Hase. „Die gute alte reversible Zeitlupe! Wie konnte ich die bloß vergessen!“
Es klappte wie am Schnürchen. Als der Hase nach der Anwendung der Zeitlupe wieder in seinen Normalmodus zurückgefallen war, traf er genau im richtigen Moment auf den Fuchs, dem er sofort eine gute Nacht wünschte. Zur Sicherheit pappte er ihm diesmal auch noch einen dicken Kuss auf die Stirn, was ihn enorme Überwindung kostete, da sein Hasenherz dabei weitaus schneller schlug, als ihm lieb war.
Der Fuchs erwiderte die Zuneigung des Hasen und trabte zufrieden ins Bett. Auch das Über-Ich des Hasen war restlos zufrieden und sagte eine Zeitlang gar nichts mehr.
Michael, 19. Dezember 2025