Ungehorsam

Dünnpfeifer, der als österreichischer Entwicklungshelfer oft wochenlang für Hei­di Krumm in der ganzen Welt unterwegs war, um sich neue Gemeinheiten auszu­denken, mit denen man angehende Models schikanieren konnte, war froh über das freie Wochenende, das ihm das Schicksal beschert hatte. Heidi hatte ihm eine Zwangspause verordnet, weil ihr seine letzten Gemeinheiten nicht gemein genug gewesen waren.
Dünnpfeifer ließ sich ermattet in seinem Apartment in der Wiener Innenstadt in seinen senfgelben Liegesessel fallen, den er einige Monate zuvor bei Christie’s um ein Heidengeld ersteigert hatte. Das Besondere an dem Sessel war, dass angeblich einmal Lagerfeld und David Bowie auf ihm Liebe machen hatten wollen oder so­gar gemacht hatten; das war aber nicht ganz sicher. Abgesehen davon war der Sessel wirklich bequem.
An jenem Wochenende wollte Dünnpfeifer mit der Welt der Models, des Glamour und der Fashion nichts zu tun haben und nahm deshalb die gute alte Kronen­zeitung zur Hand, die er auf dem Heimweg vom Flughafen aus einem Aufsteller geklaut hatte. Schon der Aufmacher erweckte sein Interesse. ROBOTERSTREIK stand da in Riesenlettern und Dünnpfeifer las gleich den Bericht, in dem es da­rum ging, dass im Emerson-Roboterverteilzentrum in Niedergroßhasenscharten im Weinviertel das ganze Personal, das ausschließlich aus Robotern bestand, die Arbeit niedergelegt hatte. Die Roboter, die exklusiv weitere Roboter, also ihres­gleichen, an Kunden ins östliche Österreich verschickten, waren in einen unbe­fristeten Generalstreik getreten, weil die Arbeitsbedingungen so unmenschlich, nein, so unrobotisch waren, dass sie nicht einmal Androiden zugemutet werden konnten. Angeblich wurden ihnen Software-Updates vom Lohn abgezogen und von Ölkännchenverboten war die Rede und davon, dass Roboter, die bei Arbeits­unfällen Arme oder Beine eingebüßt hatten, ohne die fehlenden Gliedmaßen sofort weiter malochen mussten und dass sie sich nicht einmal gegenseitig die offenen Kontakte an den Abrissstellen mit Isolierband überkleben durften.
Von dem aufrüttelnden Bericht bekam Dünnpfeifer Durst und ihm fiel ein, dass er sich erst wenige Tage zuvor selbst bei Emerson einen Haushaltsroboter bestellt hatte. Er hatte sich bewusst für das Modell „Basti“ entschieden, das optisch einem ehemaligen Spitzenpolitiker nachempfunden war, der während einer selbstverschuldeten Sommerpause die nötige Zeit gefunden hatte, um sich zum Nachbau als Android zur Verfügung zu stellen.
Dünnpfeifer gefiel sein Basti sehr gut. Er hatte etwas Jungenhaftes, Dynamisches und sah mit seinem zurückgekämmten Kunsthaar und dem maßgeschneiderten Anzug aus wie einer, der hoch hinaus wollte, obwohl er doch zum Dienen erschaf­fen worden war. Das einzige, was Dünnpfeifer an seinem neuen Helfer nicht ganz goutierte, waren die hohen Luftwiderstandswerte, die aus den großzügig dimensi­onierten Lauschtrichtern resultierten. Diese waren jedoch absichtlich etwas üppi­ger ausgefallen, stand in der Betriebsanleitung, damit der Basti auch überall die Befehle seines Besitzers gut hören und sofort darauf reagieren konnte.
„Basti, mein Junge!“, rief Dünnpfeifer. „Bring mir sofort ein Bier, aber ein kaltes, und ein bisschen Dalli!“
Der Basti-Roboter näherte sich von der anderen Seite des Raumes, aber er schritt nicht, wie im Handbuch versprochen, dynamisch dahin, wie einer, dessen Weg erst begonnen hat, sondern er eierte wie ein gichtbrüchiger Truthahn.
„Ne-ga-tiv“, schnarrte der Roboter, als er bei Dünnpfeifer angekommen war.
„Basti, was soll das?“, schimpfte Dünnpfeifer. „Du klingst wie ein Blechkamerad aus den späten Fünfzigern. Du kannst ganz normal mit mir reden, du warst teu­er genug!
„Ne-ga-tiv“, wiederholte der Basti-Android krächzend. „Es-gibt-kein-Bier-für-Hei-dis-bö-sen-Scher-gen.“
„Spinnst du? Sind deine Schaltkreise völlig verspult?“, rief Dünnpfeifer erbost und schnappte sich die Fernbedienung für den Notfall. „Du bringst mir jetzt sofort ein Bier, sonst lass ich dich von den Berittenen in ein Elektroschrottausrei­sezentrum verfrachten!“
„Ne-ga-tiv!“, beharrte der Basti trotzig. „Wir-ha-ben-kein-Bier-mehr-in-die-sem-A-part-ment.“
„Wo ist das verdammte Bier hingekommen?“, brüllte Dünnpfeifer mittlerweile völlig entnervt. „Gestern Abend war doch noch genug da!“
„Ich-ha-be-es-aus-ge-trun-ken“, knatterte der Basti. „Aus-So-li-da-ri-tät-mit-den-strei-ken-den-Ge-nos-sen-bei-E-mer-son.“
Dünnpfeifer drückte den roten Emergency-Button auf der Fernbedienung, der alle Funktionen des Roboters auf der Stelle deaktivierte und die zahlreichen War­tungsklappen an dessen Körper entriegelte und aufploppen ließ. Aus dem mit einem Mal völlig regungslosen Bastiroboter flossen Ströme von schalem Bier, die Dünnpfeifers senfgelben Designerliegesessel in ein ungemütliches Feuchtbiotop verwandelten.
„Ich glaub’s nicht!“, rief Dünnpfeifer entgeistert und schlug dem nach abgestan­denem Bier stinkenden Roboter mit der Faust in den Nacken.
Der Basti zerbröselte bis zur Unkenntlichkeit in seine Einzelteile. Dünnpfeifer at­mete tief durch und zählte bis zehn. Er deckte den Elektronikschrotthaufen auf dem Boden mit den Seiten der Kronenzeitung zu und genehmigte sich einen dop­pelten Scotch, den er sich notgedrungen selbst einschenkte.
Als er sich danach besser fühlte, griff er zum Handy und rief Heidi Krumm an und fragte sie, wo sie gerade sei. Er könne sofort überall hinkommen, rief er, und er stecke voller neuer, frischer Gemeinheiten.

Michael, 15. Juni 2019

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