Die Reise des Herrn Bierfried

Sommerzeit ist – keine Überraschung – Reisezeit. Herr Bierfried möchte sich ebenfalls auf den Weg machen. Nach 127 Brauereibesichtigungen im deutschsprachigen Raum will er diesen Sommer etwas Neues wagen. Eine Brauerei in Israel hat es ihm angetan, vermutlich die älteste Brauerei der Welt, die vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen entdeckt wurde. Er reist per Flugzeug und landet in Haifa wohlbehalten. Der Transfer klappt und eine halbe Stunde später ist er im Hotel in Carmel, einer kleinen Stadt in der Nähe der Rakefet-Höhle, angekommen. Über ein Reiseprospekt informiert er sich näher über die Höhle. Es wurde dort 12.500 Jahre vor Christus in der Kultur der Natufien Bier gebraut. Dieses Bier bzw. bierähnliche Getränke hatte laut Reiseprospekt weniger Alkoholgehalt und wurde zu Festen verwendet, diente aber auch als Grabbeigabe der in der Höhle begrabenen Toten. Nächsten Tag startet er Richtung Höhle. Bereits zwei Kilometer vor dem Ziel befindet sich der Parkplatz für die Fahrzeuge. Was dann kommen wird, hat sich Herr Bierfried nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausmalen können. Links und rechts stehen kleine Stände mit Handelswaren aller Art. Viele Händler preisen ihre Waren in geschäftstüchtiger Weise an. Am ersten Tag muss er nach 500 Metern bereits umkehren, da er das Modell der Rakefet-Höhle, das Urbier-Plakat und die zwei bunten Decken nicht mehr tragen kann. Er fährt zurück ins Hotel, um sich am nächsten Tag wiederum auf den Weg zu machen. Aber auch diesmal kommt er nicht über die 1.000 Meter – Grenze. Es hindern ihn zwei Flaschen „Heiliges Wasser“, ein überdimensionales Weihrauchgefäß und durchaus schmackhafte Nüsse am Weiterkommen. Nachdem zwei weitere Tage vergangen sind (er ist jetzt auch stolzer Besitzer von vier Plüschtier-Rentieren) und die Höhle nun in Sichtweite ist – die Händler begrüßen ihn mittlerweile persönlich, was Herr Bierfried oder wie sie dort auf hebräisch sagen „Mer Birprid“ doch schätzt – erwähnt er sich am Ziel. Er sieht in die Höhle hinein und glaubt auch schon die Brauerei zu erblicken, was sich aber aus Irrtum herausstellt. Die Brauerei entpuppt sich als Kassahäuschen, was grundsätzlich kein Problem darstellen würde, hätte „Mer Birprid“ mehr auf sein Geld geschaut. Eine Kreditkarte wird keinesfalls akzeptiert, die erst gekauften ungezuckerten Trockenfrüchte will der Herr an der Kassa partout nicht als Eintrittsgeld akzeptieren, weil das gegen die festgelegten Richtlinien verstoßen würde. „Mer Birprid“ verliert etwas die Fassung und beginnt mit lautstarken, antisemitischen Äußerungen, was konsequenterweise nicht toleriert wird und einen kleinen Polizeieinsatz zur Folge hat. In Handschellen wird er zuerst zum Parkplatz gebracht, die Händler applaudieren dabei „Mer Birprid“ und sprechen ihm offensichtlich Mut zu. Im Hotel werden ihm seine Habseligkeiten ausgehändigt und er wird von den Polizisten zum Flughafen gebracht. Nachdem er umgerechnet 790 Euro für sein Übergebäck bezahlen muss (Hauptproblem war das sperrige Rakefet-Höhlen-Modell, die Akzeptanz der Kreditkarte hier kein Problem), darf er das Land verlassen. Im Flugzeug hat er sich langsam wieder beruhigt und freut sich sogar, dass diese Trockenfrüchte wirklich gut schmecken. Er belauscht zufällig einen Geschäftsherrn, der gegenüberliegend, nur eine Reihe vor ihm sitzt. Dieser philosophiert mit seinem Gesprächspartner über die Möglichkeiten in Israel. Er sei im Hotelgewerbe tätig und habe letztes Jahr den Coup seines Lebens gelandet. Seine neuen Stände bei der Rakefet-Höhle gehen bestens, auch wenn in der Höhle selbst gar nichts zu sehen ist. Dafür hat er 125 israelische Staatsbürger arabisch-palästinensischer Herkunft angestellt, die für satte Umsätze sorgen. „Wie blöd muss jemand sein, um sich eine Höhle ohne Inhalt anzusehen und stattdessen alles möglich zu kaufen“, meint sein Gesprächspartner. Der Geschäftsherr will gerade lachen, als er von hinten gewürgt wird. In München wird Herr Bierfried nun wiederum per Polizeieskorte nach Wien gebracht. Nach der Einwilligung in eine Diversion wird auf ein Strafverfahren verzichtet und Herr Bierfried verpflichtet sich, die App des Geschäftsherrn kostenpflichtig für zwei Jahre zu abonnieren. Nachdem ihn diese Reise mehr als die 127 Reisen zuvor gekostet hat, wird Herr Bierfried im nächsten Jahr eine kleine Brauerei im Mühlviertel besuchen, die weder Fanartikel verkauft noch über einen Webshop verfügt.

Harald, 13. Juli 2019

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