Jene Tage

Es war wieder einer jener Tage, die sich einfach von anderen deutlich unterschieden. „Wer ist Maria?“, hörte ich meine Frau am Telefon fragen, die sich auf einem Seminar namens „Heldinnen-Reise“ befand. Sie rief mich am Sonntag morgen in aller herrgottsfrüh an und ich war wohl noch nicht ganz bei Sinnen. Warum ich abhob und „Guten Morgen Maria“ hauchte, konnte ich nur schwer erklären. „Ich habe gerade zur Gottesmutter gebetet“, meinte ich spontan, „und war wohl spirituell noch so vertieft.“ Das überzeugte sie verständlicherweise nicht ganz und ich brauchte Minuten, um sie zu beruhigen. Ich hatte schon aufgrund der langen Ehe einiges an Übung darin, Dinge zu erklären, die sonst kaum jemand erklären konnte. In dieser Zeitspanne mit der ich mit meiner Frau telefonierte war es diesmal aber aus irgendeinem Grund anders. Ich spürte, wie mein Interesse an irgendwelchen Begründungen schwand, wie eine neue Freiheit sich in mir den Weg bannte. „Ich habe für mich die Gottesmutter in schwierigen Zeiten entdeckt, um…“, hörte ich mich sagen, um den Satz dann abzubrechen. Stille, einfach nur Stille. „Bist Du noch dran“, forderte mich meine Frau genervt zum Weitermachen auf. „Ja“, antwortete ich. „Was ist nun?!“, motzte sie mich an und genoss meine vermeintliche Unsicherheit. „Weißt Du was, Du hast recht“, antwortete ich, „ich werde jetzt selber herausfinden, wer diese Maria ist“. Ich hörte ein Schnauben während ich weiter ausführte: „Erwarte auch nicht, dass ich noch da bin, wenn du zurückkommst. Suchen nach Maria benötigen oft lange Zeit, manchmal sogar eine Lebensspanne!“ Ruhig atmend legte ich auf, packte einen Rucksack und machte mich auf den Weg, um tatsächlich Maria zu suchen. Als ich die Haustür öffnete, sah ich zwei nicht geleerte Champagnergläser, wunderte mich nicht darüber, sondern roch daran und kostete. Champagner am Morgen ist einfach nur ein Genuss. Als ich mich mit den ersten Schritten vom Haus entfernte, zog mich etwas zurück. Ich war wohl doch nicht bereit, große Veränderungen anzustoßen. Mit hängendem Kopf betrat ich das Vorzimmer, stellte meinen Rucksack ab und schlenderte mit hängendem Kopf ins Wohnzimmer. Dort lag sie, ich hatte Maria gefunden, süß schlafend. Sie öffnete ihre Augen, stand auf und küsste mich wohltuend. Der Kuss sorgte für die Erinnerung. Das Stadtfest gestern war berauschend, Maria nur zufällig hier, da sie hier ein Seminar für angehende Visagistinnen veranstaltete. Ich konnte nicht erklären, woher meine Kraft kam, als ich Hand in Hand mit ihr in den nächsten Zug einstieg und einen Ort verließ, an dem ich mehr als zwei Jahrzehnte scheinbar glücklich lebte. Meiner Frau sandte ich später die Scheidungspapiere in großer Dankbarkeit und ohne Vorwurf, waren es doch immer meine Entscheidungen, die mich bei mir verharren ließen, auch wenn so vieles erloschen war. Maria war nun an meiner Seite, gab mir Kraft und manchmal erwischte ich mich bei dem Gedanken, dass mir auch ein höheres Wesen bei der Suche nach Maria zur Seite stand. Champagner blieb übrigens unser Lieblingsgetränk, Lebenslust unser unbändiger Anspruch.

Harald, 7. Juli 2023

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