Als ich einmal beim Friseur saß und zum Stuhl zu meiner Rechten hinüber blickte, wunderte ich mich sehr. Dort stand ein weiterer Figaro, der gleichzeitig mit meinem Haarschnittbewegungen vollführte. Was daran allerdings seltsam war, war der Umstand, dass in dem Stuhl neben mir niemand saß.
„Was treiben Sie da, Meister?“, lachte ich. „Schneiden Sie etwa der Luft die Haare? Was hat Sie denn verlangt, die Luft? Ich tippe auf einen Vokuhila!“
Vor lauter Amüsement über meinen eigenen Witz, wackelte ich so forsch mit dem Kopf, dass mein eigener Friseur mich ins Ohrläppchen schnitt.
„Machen Sie sich ruhig lustig über unsere Zunft“, erwiderte der Kollege. „Sie müssen wissen, dass ich einem Geist die Haare schneide.“
„Einem Geist?“
Ich klopfte mir auf die Schenkel vor lauter Vergnügen.
„Das ist wirklich zu köstlich.“
„Ich verbitte mir derartiges Gelächter“, sagte plötzlich aus dem Nichts eine schaurige Stimme neben mir. „Auch wir Geister wollen gepflegt aussehen. Ich bin darüber hinaus kein ordinärer Wald- und Wiesengeist. Ich habe Großes geleistet in der Vergangenheit. Ich kehre als Zeitreisender regelmäßig zurück an die Stätte meines Triumphes.“
„Okay, okay“, lenkte ich ein. „Dass du ein Geist bist, glaube ich dir ja. Was aber willst du schon Großes geleistet haben in der Vergangenheit?“
„Das entscheidende Tor im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1966 in England“, erwiderte der Geist ein wenig eingeschnappt, „habe ich erzielt. Das legendäre 3:2 für England.“
„Da ich dir nicht das Gegenteil beweisen kann“, sagte ich kühl, „nehme ich es erst einmal so hin. Du kehrst, wenn ich dich recht verstanden habe, sogar gelegentlich zurück nach Wembley in die Vergangenheit, um dich zu vergewissern, dass noch alles in Ordnung ist, oder?“
„So ist es“, bestätigte der Geist. „Es handelt sich dabei um eine wichtige Aufgabe. Nicht auszudenken, wenn irgendetwas durcheinander geriete in der Vergangenheit. Nach dem Friseurbesuch heute ist es übrigens wieder einmal an der Zeit für einen Abstecher nach Wembley.“
Das brachte mich auf einen Gedanken. Als beide unsere Friseure mit unseren Haarschnitten zur selben Zeit fertig wurden, bat ich um einen Duftspray, den ich auch dem Geist empfahl. Er ließ sich ebenfalls besprühen.
Ich heftete mich äußerst diskret an seine Fersen und folgte ihm mit der Nase in der Luft in gleich bleibendem Abstand mühelos durch die halbe Stadt. Am Gebäude der Britischen Botschaft bog er plötzlich durchs Tor in den Innenhof ab. Ich blieb dicht hinter ihm.
Unser Ziel war offenbar ein unscheinbares Kellerfenster, das mit dem Hinweis „Zeitklappe“ überschrieben war. Ich hörte noch, wie der Geist „Wembley-Stadion, 30. Juli 1966, 17 Uhr“ rief. Dann sah ich, wie sich die Klappe kurz hob und wieder senkte. Der Duft des Geistes war für meine empfindliche Nase nun nicht mehr wahrnehmbar.
Ich musste eine schnelle Entscheidung treffen. Obwohl ich kein Geist war, wiederholte ich Ort, Datum und Uhrzeit und sprang hinterher.
Ich landete in dem mit mehr als 90.000 Zuschauern gefüllten Wembley-Stadion. Der Spielstand im Finale zwischen Deutschland und England lautete 2:2. Wir befanden uns in der Verlängerung in der insgesamt 100. Minute des Spiels. Ich mischte mich unter die Fotografen in unmittelbarer Nähe des deutschen Tores.
Zu meinem Glück nahm ich plötzlich den Duftspray meines Geistes direkt vor mir wieder wahr. Wenn er den Ball, der gleich kommen würde, so weit über die Torlinie befördern wollte, dass der Treffer zählte, müsste er in den nächsten Sekunden abspringen.
Kurzentschlossen hechtete ich nach vorne, griff beherzt zu und hinderte den Geist an seinem Sprung.
Der Schuss von Geoff Hurst prallte von der Unterkante der Latte auf den Boden und zwar deutlich vor der Torlinie. Ich hatte den Geist erfolgreich daran gehindert, den Ball so weit in Richtung Linie zu schieben, dass der Schiedsrichter das Tor gab. Der anschließende Eckball, den der Deutsche Wolfgang Weber verursachte, brachte den Engländern nichts ein.
„Spinnst du?“, zischte mir der Geist zu, den ich immer noch umklammert hielt. „Du veränderst die Geschichte!“
Ich ließ den Geist grinsend los. Er sollte recht behalten. Die Deutschen eroberten den Ball und erzielten im nachfolgenden Angriff das 3:2, was die Engländer so sehr schockte, dass sie in den nächsten Minuten zwei weitere Treffer kassierten. Deutschland gewann das Spiel mit 5:2 und wurde Weltmeister.
„Wir müssen sofort zurück in unsere Zeit“, rief der Geist unmittelbar nach dem Schlusspfiff, „sonst schließt sich das Fenster.“
Er zog mich zum Kabineneingang und lotste mich in die Katakomben des Wembley-Stadions, wo sich in einer nur schwer zugänglichen Ecke des Bällelagers wiederum eine Zeitklappe befand.
Der Geist und ich nannten nacheinander Zielort, Datum und Uhrzeit und sprangen durch die Klappe.
„Warum hast du das getan?“, fragte mich der Geist, nachdem wir wieder im Innenhof der Britischen Botschaft gelandet waren.
„Einfach so“, erwiderte ich. „Ich wollte wissen, ob es wirklich funktioniert. Wenn es dir so nicht gefällt, kannst du es bei deinem nächsten Besuch ja wieder zurückändern.“
In diesem Augenblick fuhr eine Limousine in den Innenhof und hielt. Der Botschafter und drei etwa zehnjährige Knaben, die Fußballdressen trugen, stiegen aus dem Wagen. Ich sah das Quartett fragend an.
„Meine Söhne“, erklärte der Botschafter, der meine Verwirrung spürte. „Drillinge. Sie trainieren Tag und Nacht wie besessen, damit sie Fußballprofis werden und mit der englischen Mannschaft endlich einmal Weltmeister werden, in zehn bis zwanzig Jahren.“
Michael, 6. Juni 2024