Der Hirsch war mir auf meinen schamanischen Reisen öfter als Krafttier begegnete und sollte mein Leben bestimmen. Mein erster 911er röhrte folglich auch wie ein Hirsch. Als König der Straße hatte mein Leben eine durchaus wohlwollende Wendung genommen. Das Ganze war natürlich bereits in den frühen 90er-Jahren Klischee, aber störte mich nicht weiter, weil es funktionierte. Ich liebte mich von Astrid bis Veronika durch, vor der Zenzi machte selbst ich im Gegensatz zu meinen Freunden halt. Es war wohl Anfang der 2000er-Jahre als ich merkte, dass das mit den schnellen Autos nicht mehr ganz so angesagt war und selbst in der Provinz eine gewisse Anna meinte, mein Porsche wäre nur protzig, ein Zeichen von Gier und peinlich. Bei meinen schamanischen Reisen fand ich auch keine Antwort mehr, selbst mein Krafttier lies sich nicht mehr blicken. Ich verlegte mich ich nun auf Kulinarisches, aß völlig überteuerte Jakobsmuscheln, Hirschbraten – der natürlich nicht mehr röhrte – und mit Himalajasalz gewürztes Steak Tartar in den teuersten Restaurants. Die passende Weinbegleitung musste mindestens das Essen um das Dreifache finanziell überragen, obwohl ich gerade noch Rot- von Weißwein unterscheiden konnte. Ein Jahrzehnt später war es wiederum eine Anna, die meinte, das mit dem Fleischessen und dem vielen Alkohol wäre zu überdenken. Ich schmiss den Managerposten, kaufte einen Laptop, setzte mich in verschiedene Kaffees und schrieb zuerst einen Roman. Das war ein Rohrkrepierer der Extraklasse und ich trank dann eine Zeitlang nur mehr Espresso ohne Laptop, für mich eine ganz neue Erfahrung. Eine neue Anna, die mir den Weg weisen könnte, war auch nicht in Sicht, also nahm ich doch den Laptop wieder in die Hand. Diesmal schrieb ich nicht, sondern baute – mein treues Krafttier hatte es mir im Traum empfohlen – eine eigene Kaffeemarke auf. Ich hatte ja mittlerweile alle Kaffeehäuser der Stadt durch und wusste, worauf es ankommt. Die 2010er-Jahre brachten wir dann Wohlstand in einem Ausmaß, den ich mir in meinen kühnsten Träumen – und da kam einiges vor – nicht ausmalen konnte. Ich verkaufte die Marke vor drei Jahren um 21,2 Millionen Euro. Ich hatte dann mehrere Annas gleichzeitig, deren ich mir aber überdrüssig wurde, warum, konnte ich mir selbst nicht genau erklären. Als ich vor sieben Monaten in meinem Stammcafé saß, bemerkte ich eine süße Blondine, mindestens zwei Jahrzehnte jünger als ich, die ebenfalls am Laptop saß. Ich sprach sie an und es stellte sich heraus, dass Anna seit kurzer Zeit als Zukunftsforscherin in einem stadtbekannten Institut arbeitete. Sie meinte, dass die silver society ein Megatrend wäre, also Schluss mit dem Gewinsel über weiße alte Männer und Golden Mentors wie ich sich noch viel mehr in die Gesellschaft einbringen sollten. Ich brachte mich ein, also vor allem bei Anna. Unser gemeinsames Baby wird in drei Monaten zur Welt kommen. Oft zünde ich die Kerze mit dem Hirschgeweih an und bin völlig davon überzeugt, dass ich ohne mein Krafttier, das mir im Kerzenschein öfter zuzwinkert, mein Leben verschlafen hätte. Mein Porsche ist übrigens plötzlich wieder angesagt, natürlich elektrisch. Selbst ein Hirsch am Teller – geschossen in der Region – darf sein und ich schreibe gerade einen zweiten Roman, von dem sogar mein Krafttier glaubt, dass dieser das Zeug zum Bestseller hat. Wenn ich gleich mit dem Taycan losstarte und Melissa Naschenweng aus den Boxen röhrt, dann weiß ich eben ganz genau, Hirsch bleibt Hirsch.
Harald, am 25. Oktober 2024.
Was es mit dem Himalyasalz auf sich hat wissen wir ja 🙂
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