Jagdvariante


Als ich die Wiedehopfinger Au durchstreife, beobachte ich, wie von einem Hoch­stand an einer Lichtung ein jagdlich gekleideter Mann heruntersteigt. Ich grüße ihn höflich.

Er erwidert meinen Gruß, schiebt mich aber sofort energisch zur Sei­te und erklärt mir, dass er es eilig habe. Die Jagd beginne nämlich gleich.

Am Wegrand hebt er einen Vorschlaghammer auf und schlägt damit den Pflock eines Hinweisschildes in den Waldboden.

Achtung, Treibjagd! lese ich.

Es gehe mich ja nichts an, sage ich zu dem Jäger, aber er sei allein und er führe nicht einmal ein Gewehr mit sich. Ich fragte mich allen Ernstes, wie er unter diesen Umständen eine Treibjagd abhalten wolle.

Das würde ich gleich miterleben, ruft er und rennt ohne weitere Erklärung los.

In diesem Augenblick wird mir erst bewusst, dass der Jäger gar keine Jagdstiefel trägt, sondern Joggingschuhe.

Er läuft auf elliptischen Bahnen über die Lichtung und klatscht dabei theatralisch in die Hände. Durch seine ausladenden Bewegungen und den von ihm verursachten Lärm scheucht er in einiger Entfernung am Waldrand zwei Rehböcke auf, die er in den Wald hinein verfolgt.

Ich bleibe eine Weile ratlos stehen und trinke ein paar Schlucke Zirbengeist aus meiner Feldflasche, ehe ich mich wieder auf den Weg mache.

Plötzlich sehe ich, wie der Jäger atemlos zwischen den Bäumen wieder auftaucht.

Die Jagd sei erfolgreich gewesen, sagt er, als er wieder bei mir ankommt, jetzt könne er mir alles erklären, wenn ich es noch wolle.

Er nimmt mich an der Hand und zieht mich bis zu der Stelle, an der er vorhin die beiden Rehböcke aufge­scheucht hat.

Bis jetzt verstünde ich gar nichts, sage ich. Das Ziel der Jagd sei doch, dass man Beute machte, indem man mit Gewehrschüssen Wild zur Strecke brächte.

Gewehre und das Schießen seien nichts für ihn, erwidert der Jäger. Sein Jagdvergnügen bestehe darin, dass er das Wild aufspüre, wenn es gerade äse, und dass er es vertreibe und ihm hinterherrenne, bis er es weit genug weggescheucht hätte. Dann kehrte er an jene Stelle zurück, an der er das Wild ursprünglich ange­troffen hätte. Dort sei nämlich seiner Erfahrung nach das Gras am saftigsten.

Er geht in die Knie, stützt sich mit seinen Händen auf dem Boden ab und beginnt mit den Zähnen Grasbüschel abzubeißen und mit großem Genuss zu verzehren.

Er mache sich nämlich nichts aus dem Fleisch von getöteten Tieren, erklärt er mir kauend, er sei Vegetarier und das köstliche Gras sei ihm Beute genug.

Ich tippe mir mit einer bewusst nicht ganz eindeutigen Geste an die Stirn, wünsche dem Jäger noch einen gesegneten Appetit und empfehle mich.

Michael, 30. Mai 2025

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