Rondo


Schachtelhalmer, dem das Wild grundsätzlich nicht geheuer war, überwand seine Scheu und pirschte sich im März auf einer Lichtung so nah an ein dort äsendes Rudel Rehe heran, dass er die Tiere mit seinen ausgestreckten Armen schon fast berühren hätte können. Im Augenblick seines Triumphes erstarrte er gewisser­maßen zur Salzsäule, hatte allerdings zuvor noch daran gedacht, sich die offenen Handflächen mit Kastanien zu bedecken. Nach einer Weile war das In­teresse der Rehe an den wohlschmeckenden Früchten größer als ihr Misstrauen gegenüber dem bewegungslosen Menschen. Die Tiere fraßen behutsam Schach­telhalmers Handflächen leer. Danach verschwanden sie ohne besondere Eile im Wald. Am nächsten Tag kam Schachtelhalmer wieder und verfuhr ganz ähnlich, brachte allerdings noch mehr Kastanien mit als beim ersten Mal. Die Tiere taten sich abermals an dem Mitgebrachten gütlich. Schachtelhalmer wiederholte die Prozedur die ganze Woche hindurch und achtete immer weniger darauf, dass er sich nicht bewegte. Allmählich gewann er das Vertrauen der Rehe. Nach einer weiteren Woche erwarteten sie ihn bereits auf der Lichtung; wenige Tage später ließen sie sich problemlos von ihm anfassen. Schachtelhalmer ging nun dazu über, die Kastanien nicht mehr ohne Gegenleistung wahllos an das Rudel zu ver­füttern; er entwickelte vielmehr ein Belohnungssystem, bei dem jedes Tier immer dann eine Kastanie erhielt, wenn es einen bestimmten Schritt machte, den Schachtelhalmer vorgab, indem er es an jenem Lauf berührte, der bewegt werden sollte. Mit viel Geduld arbeitete er einzeln mit allen Tieren des Rudels, bis sie seine Kommandos jedes Mal verstanden und ausführten. Als nächstes brachte Schachtelhalmer einen Kassettenrekorder mit auf die Lichtung, mit dessen Hilfe er den Rehen das Rondo aus Mozarts viertem Hornkonzert vorspielte, zu dem er im Geiste bereits eine Choreographie entwickelte hatte, die er mit den Tieren nun sukzessive in der Praxis erarbeitete. Er hatte in den abwechslungsreichen Ablauf neben Platz- und Achsendrehungen auch Sprial- und Hakendrehungen einge­baut, die immer wieder aufs Neue vom Rudel geübt werden mussten. Es dauerte bis Anfang August, ehe alles so sicher saß, dass Schachtelhalmer daran denken konnte, sich um Publikum zu bemühen. Er lud die gesamte Jägerschaft der Um­gebung zu einer Aufführung ein. Die Jäger, die das Ganze für einen Scherz hiel­ten, fanden sich dennoch zur verabredeten Zeit in voller Jagdausrüstung auf der Lichtung ein. Schachtelhalmer schaltete den Kassettenrekorder ein und gab den Rehen ein Zeichen, die daraufhin leichtfüßig mit der Darbietung der mühevoll einstudierten Tänze begannen. Da die Jäger sich aber nichts aus klassischer Mu­sik machten, wurde ihnen bald langweilig. Sie erzählten einander ganz ungeniert dumme Witze und überboten sich gegenseitig mit störendem Gelächter. Aus einer plötzlichen Laune heraus rief einer von ihnen, der in der Vergangenheit schon häufig den Jagdleiter gegeben hatte, dass es ihm nun reichte und dass sie jetzt doch bequem das ganze Rudel erlegen könnten, das sich gerade tanzend vor ihnen wie auf dem Präsentierteller bewegte. Seine Jagdkameraden stimmten ihm eifrig zu und so dauerte es nur ein paar weitere Augenblicke, bis alle ihre ohnehin geladenen Büchsen in Anschlag gebracht und das Rudel vollzählig abknallt hat­ten. Während das Rondo ausklang, zitterte Schachtelhalmer mit zusammenge­kniffenen Lippen, weiß vor Wut und Trauer. Danach rannte er wortlos in den Wald. In den folgenden Wochen vergiftete er sukzessive zuerst die Hunde aller beteiligten Jäger und danach auch noch ihre Frauen. Auch nachdem er verhaftet worden war, sagte er kein Wort mehr, sondern summte nur noch das Rondo aus Mozarts Hornkonzert, wieder und wieder, bis zu seiner Einweisung in eine ge­schlossene Anstalt.

Michael, 6. Juni 2025

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