Kasperl und Seppel in den Everglades


„Stell dir vor“, berichtet der Seppel aufgeregt dem Kasperl, „ich glaube, ich habe gerade ge­sehen, wie das Krokodil deine Kasperlmütze und meinen Seppelhut, die die Groß­mutter zum Trocknen aufgehängt hatte, mit seinem gierigen Maul von der Wä­sche­leine heruntergerissen und verschlungen hat!“

„Was?“, ruft der Kas­perl ent­geistert, „Wahnsinn! Wo ist das Mistvieh jetzt? Wir müssen unsere Sa­chen wie­derbekommen!“

„Es ist in die Everglades zurückgestapft, aus denen es einst her­vorgekrochen ist.“

„Lauf zur Großmutter, Seppel“, sagt der Kasperl, „und sag ihr, dass wir ihr Schnellboot brauchen und ein paar Dollar für Benzin! Ich richte einst­weilen die Stange mit der Fangschlinge und das Repetiergewehr her!“

„Was soll ich der Großmutter sagen, wenn sie wissen will, wozu wir ihr Boot brau­chen?“, fragt der Seppel. „Soll ich ihr sagen, dass wir das Krokodil jagen?“

„Um Himmels willen nein!“, ruft der Kasperl. „Sag ihr, dass wir den Räuber Hotzenplotz fangen wollen oder den Zauberer Tintifax!“

„Einverstanden!“, sagt der Seppel. „Ich kümmere mich ums Geld und du machst einstweilen das Boot startklar!“

Der Kasperl und der Seppel trennen sich, damit jeder von den beiden seine Aufgabe erfüllen kann.

Als sie sich nach einer Weile wieder treffen, ist der Seppel ungehalten: „Die Alte ist knauserig wie eh und je! Gerade einmal fünf Dol­lar konnte ich ihr abluchsen!“

„Das wird reichen!“, sagt der Kasperl und klopft dem Seppel anerkennend auf die Schulter. „Fahren wir los!“

Er verstaut die Stan­ge mit der Fangschlinge und das Repetiergewehr im Boot und startet den Außen­border. Bevor Sie mit der Krokodiljagd beginnen, steuern sie Dimpfelmosers Sumpf­tank­stelle an und vertanken die kümmerlichen fünf Dollar, die die Großmutter her­ausgerückt hat. Danach steuert der Kasperl das Boot direkt in einen Seitenarm des New River und befiehlt dem Seppel, nach Krokodilen Ausschau zu halten.

„Wie können wir unser Krokodil eigentlich erkennen?“, fragt der Seppel zur Vor­sicht. „Die Biester sehen doch alle gleich aus.“

„Das stimmt“, bestätigt der Kas­perl. „Wir müssen es eben auf gut Glück versuchen. Deshalb haben wir ja die Stange mit der Fangschlinge mitgenommen. Ich fange die Krokodile ein, sobald sie den Kopf aus dem Wasser stecken, und du haust sie auf den Bauch, bis sie kooperieren und ihren Mageninhalt ausspucken. Sobald wir deinen Hut und meine Mütze wiederhaben, fahren wir heim.“

„Und wenn sie nichts ausspu­cken?“, fragt der Seppel vorsichtshalber.

„Dann kommt das Gewehr zum Ein­satz“, erklärt der Kasperl. „Aber glaub mir, so weit wird es nicht kommen.“

Das Verfahren, das der Kasperl sich ausgedacht hat, funktioniert wie erhofft ast­rein. Der Kasperl hantiert erstaunlich geschickt mit der Stange und der Schlinge und bändigt alle Krokodile, die der Seppel entdeckt. Der Seppel wiederum haut den Reptilien so gekonnt auf den Bauch, dass die Tiere ohne Widerstand ihren Mageninhalt ausspeien.

Bei der Prozedur kommen erstaunliche Dinge zu Tage: Unter anderem ein Tennisschläger, mehrere Unterhosen mit den eingestickten Monogrammen DJT und JDV, ein rotes Bikiniober-, ein grünes Bikiniunterteil, ein noch aktives Thermomix Küchengerät, das beharrlich einen Teig knetet, ein Feuerwehrschlauch, eine Milchkanne und ein mit Kamillentee gefülltes Klistier. Allein die Kasperlmütze und der Seppelhut finden sich nicht in den Magenin­halten der Reptilien.

Irgendwann fragt der Seppel: „Wieviele haben wir?“

„Hun­dertneunzehn“, erwidert der Kasperl. „Es spielt aber keine Rolle, weil wir jetzt sowieso umkehren müssen, ehe uns der Sprit ausgeht.“

„Mist!“, ruft der Seppel. „Wir waren so nahe dran, das spüre ich.“

Der Kasperl wendet schweigend das Boot. Als sie zu Hause am Landungssteg ankommen, wartet dort bereits die Großmutter mit dem Teppichklopfer in der Hand.

„Das wird Konsequenzen haben!“, ruft sie aufgebracht. „Mindestens vier Wochen Bratwurst- und Sau­erkrautverbot! Wo habt ihr euch herumgetrieben, ihr Hornochsen?“

„Unser Kro­kodil hat Kasperls Mütze und meinen Hut von der Wäscheleine gerissen und verschlungen und ist in die Sümpfe getürmt“, stammelt der Seppel. „Wir wollten die Sachen zurückholen und sind auf Krokodiljagd gegangen.“

„Und was glaubt ihr, ist das?“, schnaubt die Großmutter wütend und streckt ihnen Kasperlmütze und Seppelhut entgegen.

„Aber was hat das Krokodil dann gefressen?“, fragt der Seppel entgeistert.

„Das war mein neuer Bikini, ihr Blindfische!“, schimpft die Großmutter. „Rotes Oberteil, grünes Höschen! Ein etwas größer geschnittenes Modell, das zu meinem Alter passt.“

„So ein Zufall!“, ruft der Seppel begeistert. „Genau so etwas haben wir in den Sümpfen …“

„Halt bloß die Klappe!“, schnei­det ihm der Kasperl barsch das Wort ab. „Du machst alles bloß noch schlimmer!“

Michael, 10. Oktober 2025

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