Könige

Der König des Südmorgenlandes war einmal sehr einsam. Er fing deshalb an, Bier zu trinken, anfangs mäßig, dann in größeren Mengen. Dadurch wurde er zwar nicht weniger einsam, aber er spürte die Einsamkeit nicht mehr so arg. Als er irgendwann die gesamten Vorräte seines Hofbierdepots ausgetrunken hatte, beschloss er, einen befreundeten Königskollegen aufzusuchen, in der Hoffnung, dass dieser noch mehr Bier zu Hause hätte. Er reiste ins Ostmorgenland und weckte dort seinen ebenfalls einsamen Amtsbruder, der gerade noch seinen Rausch vom Vortag ausschlief. Zum Glück hatte der König des Ostmorgenlandes noch so viel Bier zu Hause, dass es auch für zwei durstige Könige reichte. Sie soffen fürderhin zweisam, aber die Zweisamkeit fühlte sich in nüchternen Momenten auch nicht besser an als zuvor die Einsamkeit. Irgendwann waren auch die Fässer am Hof des Ostmorgenlandes leer. Die beiden Könige überlegten, was nun zu tun sei. Ein weiterer Kollege, der König des Westmorgenlandes fiel ihnen ein, den sie in der Vergangenheit immer gemieden hatten, weil er ein Angeber war. Er behauptete von sich, dass er auf einem Berg von immer vollen Fässern säße. Die beiden Könige reisten also notgedrungen ins Westmorgenland, wo der sternhagelvolle Kollege sie erstaunlich bescheiden begrüßte und einlud, mit ihm mitzutrinken. Die sich einstellende Dreisamkeit fühlte sich für alle drei Könige auch nicht befriedigend an. In erstaunlich kurzer Zeit schafften sie es daher, auch den Fässerberg des Westmorgenlandes leerzutrinken. Nun war guter Rat wirklich teuer. Es war zwar bekannt, dass es auch ein Nordmorgenland gab, aber von einem König des Nordmorgenlands hatten sie noch nie etwas gehört. Sie ließen sich also drei Kamele ausrüsten und gurteten sich an den Sätteln fest, damit sie in ihrem immer noch anhaltenden Bierdusel nicht herunterfielen von ihren Wüstenschiffen. Sehr bedächtig ritten sie in Richtung Nordmorgenland und kauften in einer Oase am Weg noch ein kleines Geschenk für den Fall, dass es tatsächlich einen König des Nordmorgenlandes gab. In einer ärmlichen Gegend sprang ihnen ein örtlicher Wegweiser ins Auge, auf dem ein Pfeil die Richtung zu einem neugeborenen Königskind anzeigte. Sie bogen ab und erreichten einen Stall mit einer Krippe, in der ein erst wenige Wochen alter Säugling lag, der in der Tat königlich wirkte. Den Königen war aber sofort klar, dass an diesem Ort nicht mit nennenswerten Biervorräten zu rechnen war. Sie beglückwünschten die Eltern und verliehen ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Kind einst ein Kollege von ihnen sein würde, sobald es herangewachsen sei. Eine Kollegin allenfalls, korrigierten die Eltern, ihr Kind sei nämlich ein Mädchen. Irritiert packten die Könige ihr Geschenk aus, einen Sixpack Dosenbier. Die Mutter lehnte die ihr angebotene Dose dankend ab, weil sie ja ihr Kind stillen müsse. Der Vater und zwei herumstehende Schafhirten griffen aber gern zu und stießen gemeinsam mit den Königen auf die Zukunft des Kindes an. Die Könige, die beim Genuss des Gerstensafts gleich wieder ihr Bierdurst packte, wurden so unruhig, dass sie sich sofort danach verabschiedeten und erklärten, dass sie nun ins Abendland weiterzögen, um zu prüfen, ob es dort vielleicht einen König gäbe, der ihr Verlangen nach Bier stillen könne. Der Vater des Kindes wünschte ihnen viel Glück und bat sie, die leeren Dosen mitzunehmen und sie nicht etwa an den Wegesrand vor dem Stall hinzustreuen, er wolle nämlich nicht, dass der Eindruck entstünde, dass er ein Dosenmacher sei.

Michael, 6. Jänner 2019

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