Staatsdienerinnen

Resi und Rosi fingen zur selben Zeit als blutjunge Auszubildende auf dem Finanz­amt an. Sie arbeiteten sich gut ein, entwickelten allerdings verschiedene Neigun­gen. Resi zog es ins Archiv, während Rosi lieber an vorderster Front mit aufge­brachten Steuerzahlern unklar formulierte Bescheide diskutierte. Das Mittages­sen in der Betriebskantine nahmen sie aber stets gemeinsam ein. Am Abend fuh­ren sie mit dem selben Bus nach Hause. Die Jahre vergingen. Resi und Rosi er­füllten treu ihre Pflicht. Eines Tages, als sie unmittelbar vor der Rente standen, genehmigten sie sich zur Feier des Tages beim Mittagessen zwei kleine Bier. Am Ende der Pause sagte Resi zu Rosi, dass sie sich nicht wohl fühle und sich bis zum Abend ein wenig zu den Akten lege. Bei Dienstschluss wartete Rosi vergeblich auf ihre Freundin. Die Kollegen aus dem Archiv sagten, dass sie Resi seit der Mittags­pause nicht mehr gesehen hätten. Rosi, die sich um ihre Freundin sorgte, machte sich auf die Suche. Sie schritt systematisch die endlosen Gänge und Regalreihen des Archivs ab und rief nach Resi, erhielt aber keine Antwort. Schließlich erreich­te sie den letzten Raum mit der Steuersünderkartei, aus der es merkwürdig roch. In einer großen offenen Schublade fand Rosi endlich ihre bereits erkaltete Freun­din, die eine Karteileiche war.

Michael, 13. April 2019

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