Hundefutter

Alles muss ich allein machen, seit George tot ist. Als er noch lebte, haben wir uns die Arbeit brüderlich geteilt. Wir haben zusammen Hundefutter hergestellt und verkauft, seit fast 50 Jahren. Ich habe das Fleisch besorgt und das Getreide und die übrigen Zutaten und mich um die Rezeptur gekümmert und um die Abmi­schung und ich habe auch die Pellets gepresst und das fertige Zeug in Säcke ab­gefüllt. George hatte den Vertrieb über, die Kundenaquise, die Auslieferung und die Buchhaltung. Wir haben das Geschäft von unserem Vater geerbt und es er­folgreich ausgebaut. Es ist kein billiges Hundefutter von der Stange, das wir her­gestellt haben, sondern eines für Individualisten, die sich Qualität etwas kosten lassen. Wir haben die besseren Vororte von London beliefert, das heißt, George ist zweimal in der Woche mit dem vollgeladenen LKW losgefahren, den wir gleich nach dem Krieg aus Beständen der Army günstig erworben hatten und hat die Ware direkt zu den Abnehmern gefahren. George hat an dem Fahrzeug immer alles selbst repariert und sich so gut um den Wagen gekümmert, dass wir nie einen neuen anschaffen mussten. Vor sechs Monaten ist George nun gestorben und seither muss ich eben alles allein machen. Weil ich die Aufgaben von George nun mit übernommen habe, kann ich nur noch halb soviel Aufträge annehmen wie früher. Die Kunden reagieren bereits ein wenig ungehalten, aber was soll ich tun? Ich bin ein alter Mann. Mit der Buchhaltung und der Aquise komme ich mehr schlecht als recht zurecht. Was mir die meisten Sorgen bereitet, ist der LKW, von dessen Eigenleben ich keine Ahnung habe. Schon mehrmals ist er mir am Morgen erst nach unzähligen Versuchen angesprungen. Die Motorengeräu­sche bei den letzten beiden Lieferfahrten wollten mir überhaupt nicht gefallen. Der schwarze Rauch, der neuerdings aus dem Auspuff quillt, stimmt mich sehr nachdenklich. George hätte sofort gewusst, was zu tun ist. Aber George ist tot. Er ist seinem Gehirntumor erlegen. Immerhin hat gestern abend ein neuer Kunde angerufen, spontan, aus der Londoner City, wohin wir zuvor noch nie etwas ge­liefert hatten. Weil der Kunde die beste Mischung verlangt hat, ohne um den Preis zu feilschen, habe ich die Lieferung für heute abend versprochen und den ganzen Tag Pellets gepresst. Nun ist es bereits Nachmittag geworden. Ich bin mit der Beladung des LKW fertig und schwitze. Ich stelle mich noch unter die Du­sche, bevor ich losfahre, weil ich bei dem neuen Kunden einen guten Eindruck machen will. Dann drehe ich den Zündschlüssel herum und hoffe, dass der LKW mich diesmal nicht im Stich lässt. Mein Wunsch geht in Erfüllung, der Motor springt sofort an und macht diesmal keine Probleme. Ich fahre los und gerate in den Feierabendverkehr in der City. Ich komme im Stop-and-Go nur sehr langsam vorwärts. Als ich bei Einbruch der Dunkelheit schon nahe an meinem Ziel in die Wilton Street einbiege, passiert es doch. Der Motor in meinem LKW macht Ge­räusche, die einem Keuchhustenanfall nicht unähnlich sind, und stirbt dann ab. Ich schaffe es gerade noch, meinen Wagen am linken Fahrbahnrand abzustellen. Der Motor lässt sich nicht mehr in Gang setzen. Ich weiß nicht recht, was ich tun soll. Das alte Fahrzeug verfügt über keine Warnblinkanlage. Im Seiten­fach in der Fahrertür finde ich zwei Pannendreiecke, die ich vor und hinter meinem LKW platziere. In dem Gebäude vor mir mache ich ein geöffnetes Pub aus und weil ich ohnehin nicht weiß, wie es weitergehen soll, denke ich, dass ein Pint Bier viel­leicht genau das Richtige ist, um nachzudenken. Obwohl es Abend ist, ist das Pub seltsamerweise menschenleer. Auf einem Hocker an der Bar entdecke ich eine kleine alte Frau in einem Trenchcoat und mit einem Kopftuch, die vor sich ein gefülltes Glas stehen hat. Ich ziehe meinen Hut vor der Frau und frage sie, ob ich hier etwas zu trinken bekäme. Sie nickt und weist mit einer noblen Geste auf den Hocker neben sich und lädt mich ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Greg, der Bar­keeper, werde gleich zurück sein. Sie behält recht. Wenige Augenblicke später tritt ein Hüne durch einen Bastvorhang in den Schankraum hinterm Tresen und fragt mich, was ich trinken möchte. Ich bestelle ein Pint von der Sorte, die auch die alte Frau gewählt hat. Weil es mir höflich erscheint, versuche ich ein wenig Konversation zu machen. Ich stelle mich vor, und nenne der alten Frau meinen Namen, John, und frage sie, ob sie öfter hierherkäme, um ein Pint zu trinken. Sie heiße Liz, entgegnet die Frau, und sie käme nur noch selten aus ihrer Wohnung heraus, im Gegensatz zu früher, als sie fast jede Woche einmal mit ihrem Mini Cooper abends losgefahren sei, um irgendwo noch etwas zu trinken. Jetzt habe sie, genauso wie ihr Mann, der auch noch am Leben sei, ihren Führerschein zu­rückgegeben und komme kaum noch privat unter die Leute. Sie sei eben einfach alt geworden. Ich fände gar nicht, dass sie alt aussähe, beeile ich mich zu sagen. Ich solle doch raten, wie alt sie sei, lächelt die alte Frau und nimmt einen tiefen Schluck von ihrem Pint. Weil ich auch schon fast 70 bin und über einige Lebens­erfahrung verfüge, wage ich eine Schätzung. Sie sei höchstens 70, sage ich zu Liz, ich würde mich da auskennen. Da hätte ich mich gewaltig vertan, sagt sie ver­schmitzt, sie sei 93. Sie bedankt sich für das Kompliment. Jetzt ist es an mir zu lachen. Ich bestelle uns noch zwei Pints. Dann fragt Liz mich, wie es mich eigent­lich in diese Gegend verschlagen hätte. Ich erzähle ihr von meinem verstorbenen Bruder George und dass ich in der Nähe etwas auszuliefern gehabt hätte und schildere ihr dann das Missgeschick mit meinem LKW. Als ich hinzufüge, dass mein Fahrzeug noch aus dem Weltkrieg stammte, wird Liz plötzlich hellhörig. Sie nimmt noch einen großen Schluck Bier und packt mich dann am Ärmel. Sie for­dert mich auf, sie hinauszubegleiten und mir den LKW zu zeigen. Sie wolle es sich ansehen, ob da noch etwas zu machen sei. Ich entgegne, dass ich es mir bei allem Respekt nicht vorstellen könne, dass sie etwas von LKW-Motoren verstünde. Liz lässt nicht locker. Schließlich erheben wir uns von unserem Hockern und machen uns auf den Weg hinaus auf die Straße zu meinem LKW. Die alte Frau öffnet die Motorhaube. Daran, wie sie sich dabei anstellt, erkenne ich, dass sie so etwas nicht zum ersten Mal macht. Sie mustert den in die Jahre gekommenen Motor mit geübten Blicken. Dann winkt sie mich heran und deuet auf eine Stelle im hin­teren Bereich. Es sei alles klar, erklärt sie, das Pleuel von dem Hubteil sei total verdengelt. Sie fragt mich, ob ich Werkzeug dabei hätte. Ich sehe in der Fahrer­kabine nach und finde den Werkzeugkasten, den George früher immer benutzt hat, wenn er etwas reparieren musste. Liz sucht sich einen schweren Hammer und eine Zange heraus. Dann macht sie sich an dem Pleuel zu schaffen und schlägt mit wohldosierten Schlägen mit dem Hammer auf die richtigen Stellen und biegt mit der Zange das Pleuel behutsam zurecht. Fertig, sagt sie nach einer Weile. Ich solle nun versuchen, den Motor in Gang zu setzen. Ich klemme mich skeptisch hinters Steuerrad und lasse den Motor an. Es gelingt ohne Probleme. Liz lächelt zufrieden. Ich stelle den Motor wieder ab, steige aus dem Führerhaus und verneige mich vor meiner Retterin. Ich stünde tief in ihrer Schuld, sage ich und frage sie, ob ich sei noch auf ein Pint einladen dürfe. Es sei spät, entgegnet Liz, und sie müsse langsam wieder nach Hause, aber wenn ich noch schnell ins Pub zurückliefe und zwei Pints holte, würde sie nicht nein sagen. Es schicke sich zwar nicht, auf der Straße zu trinken, aber in unserem Fall gehöre es nun irgend­wie dazu. Nach wenigen Minuten bin ich zurück mit zwei frisch gezapften Pints Bier. Liz und ich stoßen an auf die Weisheit des Alters. Nachdem wir unsere Glä­ser geleert haben, frage ich Liz, wo sie denn wohne, ich könne sie ja, wenn es auf dem Weg liege, noch ein Stück mitnehmen. Sie nennt mir die Adresse, Grosvenor Place, und die zugehörige Nummer. Das sei genau die Adresse, an die ich meine Ware liefern müsste, sage ich. Ich bringe die leeren Pints zurück ins Pub und wir steigen ein. Der Motor ist nun gut in Schuss. Problemlos erreichen wir den Park­platz am Grosvenor Place. Liz dirigiert mich zu einer Schranke. Daneben steht ein Wachhäuschen, vor dem zwei Soldaten Wache stehen. Ich frage Liz, ob sie tat­sächlich hier wohne. Das sei schon in Ordnung, entgegnet sie, ich solle mir keine Sorgen machen. Wir steigen aus. In diesem Moment wird die Schranke geöffnet und von drinnen stürmt eine Hundemeute heraus, gefolgt von einem sehr distin­guiert wirkenden Mann. Die Hunde rennen auf Liz zu und springen an ihr hoch. Der Mann erkennt Liz und deutet eine kaum wahrnehmbare Verbeugung an. Er fragt Liz, die immer noch von den Hunden umringt wird, ob alles in Ordnung sei. Alles sei in bester Ordnung, entgegnet sie, sie hätte einfach nur wieder einmal frische Luft gebraucht, aber jetzt sei sie wieder zurück und bringe gleich einen Lieferanten mit, der etwas zuzustellen hätte. Dann fragt sie mich, was es denn eigentlich sei, was ich liefern sollte. Ich schreite zur Rückseite meines LKW, schlage die Plane in die Höhe und reiße einen der Säcke auf. Nun umringen die Hunde plötzlich mich. Ich füttere sie mit Pellets. Sie scheinen begeistert und fres­sen gierig alles, was ich ihnen hinwerfe. Auch der Mann wirkt sehr zufrieden. Ich habe mir erlaubt, sagt er zu Liz, aus einer neuen Quelle Futter zu bestellen. Ich hoffe, Ihre Majestät verzeihen mir mein eigenmächtiges Handeln. Die Hunde haben ihre Wahl bestätigt, Alister, entgegnet Liz. In der Zwischenzeit haben sich sehr diskret zwei Diener zu uns gesellt, die sofort mit der Entladung meines LKW beginnen. Langsam dämmert es mir, dass ich soeben der Königin von England Hundefutter liefere. Es ist die Rückseite des Buckingham Palace, an der wir uns befinden. Ich sinke auf die Knie, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen. Liz deutet mir, dass ich wieder aufstehen solle. Eure Majestät, stammle ich, wenn ich gewusst hätte… Manchmal, John, entgegnet die Königin, ist es gut, wenn man nicht alles gleich weiß. In der Zwischenzeit sind die Säcke vollständig abge­laden. Es ist Zeit, Abschied zunehmen. Alister fragt mich, was er für die Ware schuldig sei. Es ist mir eine Ehre, sage ich, meiner Königin diese Lieferung zu schenken. Sie nickt. Ich deute eine Verbeugung an. Die Königin lächelt mir noch einmal zu, dreht sich um und schreitet, gefolgt von ihrem Haushofmeister, durch die geöffnete Schranke auf das Gelände ihres Anwesens. Als sie schon einige Schritte von mir entfernt sind, ertönt ein schriller Pfiff, von dem ich nicht weiß, ob er von der Königin ausging oder von ihrem Bediensteten. Die Hunde, die im­mer noch aufgeregt schnüffelnd meinen LKW umrunden, wenden sich auf der Stelle ab und folgen ihrer Herrin. Ich setze mich hinters Steuer und atme tief durch. Nach einer Weile starte ich den Motor und mache mich auf den Heimweg. Ein paar Straßen weiter schalte ich das Radio ein, das George noch in den LKW einbauen hat lassen. Ich denke fest an ihn. Her Majesty is a pretty nice girl, singen die Beatles im Radio, some day I’m gonna make her mine.

Michael, 6. April 2019

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