Sprayerkrieg

Als mir einmal das gleißende Sonnenlicht furchtbar auf die Nerven ging, erfand ich in meinem Heimlabor kurzerhand ein Nachtspray, das sofort hervorragend funktionierte. Wenn ich mich im Vorgarten damit einnebelte, wurde alles um mich herum augenblicklich stockdunkel und angenehm kühl. Mein Nachbar Liftbügel, der weiterhin schwitzen musste wie das sprichwörtliche Schwein, beobachtete mich voller Argwohn über den Zaun.

Seit ich ein paar Jahre zuvor irrtümlich seine Frau geschwängert hatte, mochte er mich nicht. Weil die Reihenhäuser, in denen wir wohnten, alle gleich aussahen, hatte ich mich in der Tür geirrt, es aber erst im Bett bemerkt, als ich mich mit der feurigen Brünetten, die ich für meine Frau hielt, auf der Matratze wälzte, und es schon zu spät war. Immerhin hatten wir uns das Kind, das so entstanden war, gerecht geteilt. Es lebte in wöchentlichem Wechsel bei den Liftbügels und bei uns. Wir waren uns nie einig, wie wir es erziehen sollten. Als es alt genug war, um selbst Entschei­dungen zu treffen, sagte es uns, dass es uns alle satt hätte und dass es lieber bei den Großeltern leben wollte.

Ich mochte in diesem Augenblick aber nicht mehr länger daran denken, sondern mich noch einmal an den Segnungen meiner neuen Erfindung erfreuen. Demonstrativ drückte ich noch einmal auf den Zerstäuberknopf und hüllte mich in eine tiefschwarze Wolke. Da hielt Liftbügel es nicht länger aus. Er beugte sich über den Zaun und streckte mir seine hässliche Reptilienzunge heraus. „Wozu bläst du dir am helllichten Tag das Licht aus?“, höhnte er. „Das brauchst du doch gar nicht. Du bist doch ohnehin total unterbelichtet!“ Als Antwort bedachte ich ihn überfallsartig mit einer kräftigen Salve aus meiner Spraydose. „Jetzt tappst du auch im Dunklen, alter Schleichen­lurch!“, rief ich triumphierend. Liftbügel, der das gleißende Sonnenlicht über alles liebte und der wusste, dass diese Runde an mich gegangen war, robbte wutschnaubend in sein Haus, um sich unter der Dusche das Nachtspray vom Körper zu schrubben. Er kehrte bis zum Abend nicht in seinen Garten zurück.

In der folgenden Nacht fuhr ich plötzlich aus einem tiefen Schlaf hoch, als mich bedrohliche Geräusche weckten. Es war zu spät. Ein Einbrecher hatte bereits die Terrassentür aufgehebelt und war in unser Schlafzimmer eingedrungen. Als er seine Waffe zückte und abdrückte, dachte ich, dass meiner Frau und mir das letzte Stündchen geschlagen hätte. Tatsächlich breitete sich in unserem Schlafzimmer aber lediglich eine Wolke aus Sonnenlicht aus, das so hell war, dass mir davon sofort die Augen tränten. „Wie findest du mein neues Tagspray?“, rief Liftbügel mit irrem Gelächter. „Habe ich selbst erfunden. Es verwandelt sogar eine Schnarchnase wie dich in ein aufgewecktes Kerlchen!“ Noch ehe ich zugeben konnte, dass er leider recht hatte, ergriff mein nichtsnutziger Nachbar die Flucht und rannte unter Freudengeheul in sein Haus zurück. Da meine Frau und ich in dieser Nacht wegen der gleißenden Helligkeit kein Auge mehr zutaten, machten wir das beste aus der Situation und wälzten uns auf der Matratze und versuchten ein neues Kind zu zeugen, was uns aber nicht gelang, wie sich später heraus­stellte.

Am folgenden Morgen erklärte ich Liftbügel den Krieg. Wann immer er aus seinem Haus trat, war ich bereits zur Stelle und traktierte ihn mit meinem Nachtspray. Ich bastelte mir einen Teleskoparm, mit dem ich Liftbügels Haustür erreichte, ohne dass ich sein Grundstück betreten musste. Er konnte seinen Arbeitsplatz nicht mehr erreichen, nicht mehr einkaufen und nicht mehr auf den Sportplatz gelangen, weil die tiefschwarze Nacht, in die ich ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit meinem Spray hüllte, ihn daran hinderte.

Ich muss allerdings gestehen, dass Liftbügel ein würdiger Gegner war. Er zahlte mir alles, was ich ihm während des Tages antat, im Lauf der Nacht mit gleicher Münze heim. Wann immer ich zu schlafen versuchte, war Liftbügel zur Stelle und benebelte mich mit Hilfe einer Drohne, die auch mehrmals das Schlafzimmer­fenster durchschlug, mit seinem gleißend hellen Tagspray und raubte mir jeglichen Schlaf.

Keiner von uns hätte jemals nachgegeben, bis nicht einer von uns endgültig besiegt gewesen wäre. Es waren unsere Frauen, die den Krieg beendet haben. Unabhängig von einander haben sie eigene Sprays entwickelt, die Dämmerungen hervorrufen. Der Spray, den Liftbügels Frau kreiert hat, erzeugt Morgen­dämmerungen, wähend der Spray meiner Frau Abenddämmerungen auslöst. Weil die Wirkstoffe der Frauensprays weitaus effektiver sind als die unserer Männersprays, können Liftbügel und ich im Kampf gegeneinander mit unseren Sprays nichts mehr ausrichten, weil wir von unseren Frauen jedesmal, wenn unsere Kämpfe aufflammen, auf das richtige Maß zurechtgesprüht werden.

Was soll ich sagen? Das Leben, das wir führen, Liftbügel und ich, ist vage und diffus geworden. Wir sind und bleiben zwielichtige Gestalten.

Michael, 13. März 2020.

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