Schäbingers Jungfrau

Ein einziges Mal nur war Maria unachtsam, als sie sich nachts, auf dem Rückweg vom heimlichen Spargelstechen, am Haus ihres Nachbarn, eines durchgeknallten Quantenphysikers namens Schäbinger vorbeischlich. Sie trat mit ihrer Schuh­spitze in eine perfekt getarnte Schlinge und löste dadurch einen Mechanismus aus, der sie in ein engmaschiges Netz einwickelte und sie in die Krone einer hun­dertjährigen Blutbuche hinaufkatapultierte, die auf Schäbingers Grundstück stand. Maria, die zu Tode erschrocken ihr Spargelmesser festhielt, saß mehrere Meter über dem Boden schwebend in der Falle. Der Korb mit dem von ihr gesto­chenen Spargel lag unten auf der Erde. Schäbinger, der in seinem ganzen Leben noch nie eine Frau abbekommen hatte, weil er sich wegen ununterbrochener For­schungen fast nie wusch, hatte seine Falle mit einem Alarm ausgestattet, der ihn in seinem Schlafzimmer weckte. Der durchgeknallte Physiker sprang aus dem Bett, zog sich hastig seinen Labormantel übers Nachthemd und schlich hinaus in seine Garage, in der sein rabenschwarzes Campingmobil parkte, das er für das von ihm ausgeheckte Experiment so umgebaut hatte, dass es völlig blickdicht war und dass auch keinerlei Geräusche oder olfaktorische Signale aus dem Fahrzeug­inneren in die Außenwelt gelangen konnten. Er startete den Motor, fuhr mit aus­geschalteter Beleuchtung hinaus in den Garten und hielt unter der Blutbuche. Mit einer Fernbedienung öffnete er eine Luke im Dach seines Fahrzeugs, durch die er die Person, die in dem Netz zappelte und die er in der Dunkelheit der Nacht nicht erkannte, in seinen Campingbus hinunterließ. Als er seine Beute sicher verwahrt hatte, kappte er von oben das Seil, das das Netz zusammenhielt, das drinnen von Maria abfiel. Schäbinger leuchtete mit seiner Taschenlampe durch die Luke ins Fahrzeug. Als er Maria erkannte, die schon lang in seiner Nachbarschaft wohnte und die in seinen feuchten Träumen stets eine unberührte Jungfrau verkörperte, die er, Schäbinger, erobern wollte, lachte sein wirres, einsames Forscherherz. Bevor er die Luke hermetisch verschloss, rief er seiner Gefangenen zu, dass sie beide nun viel Spaß miteinander haben würden. Dann setzte er sich ans Steuer und fuhr los. Sein Ziel war das experimentalphysikalische Universitätsinstitut, in dem er beschäftigt war. Er lenkte das Campingmobil auf den Institutsparkplatz, stellte den Motor ab und schrieb mit seinem Mobiltelefon dem Dekan, der sein Vorgesetzter war, eine Nachricht. Anschließend begab er sich in den hinteren Teil seines Fahrzeugs, um seinen teuflischen Plan zu vollenden. Als am folgenden Morgen der Dekan, der sich bei seiner Ankunft über das ihm unbekannte schwar­ze Fahrzeug auf dem Parkplatz geärgert hatte, mürrisch und noch ein wenig mü­de seinen Kaffee umrührte und die neu eingegangenen Nachrichten prüfte, stach ihm Schäbingers Eintrag sofort ins Auge. Fassungslos las er: „Sehr geehrter Herr Dekan, wenn sie diese Zeilen lesen, werden sie das schwarze Fahrzeug auf dem Parkplatz bereits bemerkt haben, in dem sich neben meiner Wenigkeit noch eine weitere Person befindet, eine Frau, die entweder noch Jungfrau ist oder von mir bereits entjungfert wurde. Da Sie wissen, dass Sie dies von außen nicht beurtei­len können, ist die Frau aus Ihrer Sicht also Jungfrau und entjungfert zugleich. Um das Geheimnis zu lüften, werden Sie selbst nachsehen müssen. Ich freue mich auf Sie! Wie ich sie liebe, die Welt der Physik! Gezeichnet, Schäbinger.“ Der Dekan, der sofort hellwach war, wählte den Notruf der Polizei. Anschließend stürmte er hinaus auf den Parkplatz, wo wenig später bereits ein Streifenwagen eintraf. Die Beamten brachen die von innen zusätzlich verrammelte Seitentür am Campingmobil auf und drangen ins Fahrzeuginnere ein, wo ihnen sofort das Blut am Boden und auch an den Wänden auffiel. In einer Ecke fanden sie den zusam­mengekrümmten Schäbinger, der vor Schmerzen stöhnte. Die Polizisten fragten die lächelnde Maria, die sie auf einem kleinen Sofa sitzend erwartete, was gesche­hen sei. Sie deutete auf Schäbinger und sagte den Beamten, dass er so zudringlich geworden sei, dass sie ihn in Notwehr mit ihrem Spargelmesser mehrmals in sei­ne männlichsten Teile gestochen hätte. Sie wisse aber nicht, wo genau sie ihn er­wischt hätte, sie habe nicht nachgesehen. Das Messer liege auf dem kleinen Kühl­schrank. Während die Polizisten einen Krankenwagen riefen, stieg Maria unver­sehrt aus dem Campingbus und vertrat sich nach dem langen Sitzen ihre Beine. Ungläubig verfolgte der Dekan mit seinen Augen jeden ihrer Schritte, gerade so, als ob sie schwebte. Ihr sexueller Status spielte keine Rolle mehr.

Michael, 08. Mai 2020

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