Das Ende der Nacht

vom literarischen Nachtgeflüster zum Beziehungsgeflüster

Im Gesundsheitsministerium wurde tief in der Nacht noch gearbeitet. Rudis Hund lag gemütlich im türkis-grünen Hundekissen und gähnte. Wieder hatte einmal das merkwürdige, selbst hergestellte Biofutter seines Herrchens für Blähungen gesorgt. Rudi rümpfte seine Nase und konnte sich nicht konzentrieren. Gerade jetzt, da die neue Verordnung für ein Verbot jeglicher Ansprache des anderen Geschlechts außerhalb der Ehe – schließlich konnten dabei Aerosole für eine Übertragung gefährlicher Viren sorgen – endlich fertig werden sollte. Rudi war voller Vorfreude. So viel hatte er schon verboten und nun stand der Höhepunkt bevor. Jeder sollte endlich wissen: Die Party war endgültig vorüber. Man musste Rudi verstehen, er hatte sich schon in der Schule – zuerst als Schüler, dann als Lehrer – schwergetan, beim anderen Geschlecht zu reüssieren. Sein kleiner Makel würde somit in Zukunft gar nicht mehr auffallen. Rudis Hund, der im während der Reflexionen seines Herrchens irgendwann plötzlich eine unerwartete Munterkeit verspürte, nutzte die Gunst der Stunde, suchte vorerst unbemerkt das Weite und spazierte über die Gänge, um schlussendlich im Innenministerium zu landen, das neben dem Gesundheitsministerium lag.

Die cremefarbene Pudeldame des Innenministers – seine Frau hatte ihr noch ein rosa Halsband gehäkelt – war läufig. Rudis Rüde erkannte sofort die Gelegenheit und warb heftig um die Gunst der Hündin. Sie erhörte ihn kurze Zeit später. Da der folgende Akt nicht lautlos vonstatten ging, wurde der Innenminister, der ebenfalls noch in seinem Büro anwesend war, auf den Plan gerufen. Er betrat den Besprechungsraum, in dem die Paarung stattfand, sah, was gerade geschah, und wusste sofort, was zu tun war. Drei Minuten später konnte er ein Sondereinsatzkommando zusammentrommeln, das das Schlimmste noch verhindern sollte.

Als die Beamten eintrafen, gaben sie gleich mehrere Warnschüsse ab, die in der Decke des Palais landeten und die historische Holzvertäfelung beschädigten. Das störte den Innenminister nicht weiter – schließlich träumte er von einer digitalen Decke – aber der Akt, der eigentlich verhindert werden sollte, war schon erfolgreich vollzogen.

Durch die Schüsse alarmiert kam auch Rudi, der seinen Hund bereits vermisste, in seinen Birkenstocksandalen um die Ecke geschlichen. Was das denn für ein Lärm sei, wollte er wissen. Der Innenminister war in heller Aufregung, entriss einem Mann des Sondereinsatzkommandos die Maschinenpistole und eröffnete das Feuer auf Rudis Hund. Dieser reagierte schneller als sein Herrchen und wich den Kugeln gekonnt aus. Rudi beobachte das Ganze und befand nach mehreren Minuten, dass das Verhalten des Innenministers den Koalitionsfrieden eventuell nachhaltig stören könnte.

„Karl, das geht doch nicht, oder?“, meinte Rudi leise.

„Lass mich das machen, davon verstehst du nichts!“, wies Karl ihn zurecht.

Rudi überlegte, was als nächstes zu tun war. Sein Hund war zum Glück nicht getroffen worden und bereits außerhalb der Schusslinie. Der Innenminister hatte sich aber immer noch nicht beruhigt und wollte die Jagd fortsetzen.

Da hatte Rudi einen Einfall.

„Du, Karl, ich arbeite gerade an einer Verordnung, vielleicht magst mir dabei helfen?“, fragte er seinen Ministerkollegen.

„Rudi, wann kannst du mal was alleine machen? Aber meinetwegen, ein letztes Mal“, meinte Karl widerwillig.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück in Rudis Büro. Rudi erläuterte, was er schon ausgearbeitet hatte. Karl fand den Ansatz gut, es fehlten ihm nur noch die Konsequenzen. Die Exekutive, sagte Karl, wäre gerne bereit, Verstöße gegen das Kontaktanbahnungsverbot – so der Name der Verordnung – rigoros zu ahnden. Dabei setzte er auf eine verpflichtende App, die jeder anständige Staatsbürger zu installieren hätte. Wer sich weigerte, sei ein Lebensgefährder. Auf eine Begutachtungsfrist konnte Karl verzichten, auch wenn Rudi leise Bedenken äußerte.

Die nächsten Wochen – Rudis Hund hatte sich von dem Schock erholt und blickte Vaterfreuden entgegen – vergingen schnell. Die App wurde zwar nur schleppend heruntergeladen, aber die Exekutive konnte eifrig viele Verstöße ahnden.

Als sie eines Abends in einem Lokal um 2.15 Uhr morgens auf einen älteren, unrasierten Herrn stieß, der heftig mit einer 23jährigen Studentin flirtete, wusste dieser nichts von einer Verordnung. Sie sollten sich doch wieder auf den Weg machen, erklärte der zur Rede Gestellte den Beamten, um sich um wichtigere Angelegenheiten zu kümmern. Die Männer der Exekutive, vom Innenminister bestens geschult, dachten aber gar nicht daran, den Verstoß ohne Weiteres hinzunehmen. Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel. Um der Exekutive deutlich zu machen, was er letztlich von all dem hielt, küsste der ältere Herr die Studentin am Ende leidenschaftlich auf den Mund. Das war zu viel. Die Amtsorgane nahmen die Personalien der Beteiligten auf. Zu dem Zeitpunkt ahnten sie schon, dass es Ungemach geben könnte.

Am nächsten Tag mussten der Gesundheits- und der Innenminister beim Bundespräsidenten antreten.

„Ich habe alles bisher mitgemacht, bis auf eine kleine Sperrstundenübertretung, aber das ist zu viel. Ihr Vollpfosten, habt ihr den Verstand vollends verloren? Muss ich denn den Chefredakteur der Kronenzeitung anrufen, damit ihr zur Räson kommt?!“, schrie der Bundespräsident lauthals.

„Und was bitte, Karl, machst du mit sieben Pudelwelpen im Ministerium?“, fragte er weiter.

Karl wollte ihm einen der Welpen schenken, was den Bundespräsidenten noch mehr auf die Palme brachte. Erst als Rudi einwilligte, dass er die 23jährige Studentin als Lektorin im Gesundheitsministerium einsetzen wollte, und Karl der Therapie „Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktlösung“ zustimmte, die zwei Mal die Woche für je drei Stunden anberaumt wurde, war der Bundespräsident zufrieden.

Am Nachmittag kündigte der Kanzler, der von der Angelegenheit Wind bekommen hatte, an, dass er am folgenden Montag sprechen würde. Bei dieser Gelegenheit wollte er verkünden, dass aufgrund der geringen Patientenzahlen in den Spitälern eine Lockerung der Regeln möglich sei und dass das Kontaktanbahnungsverbot mit sofortiger Wirkung aufgehoben würde. Ihm selbst war dieses Verbot ohnehin egal gewesen, da Rudi legistisch schlampig gearbeitet hatte und er, der Kanzler, von allen geliebt werden wollte und aus diesem Grund Kontakte zum eigenen Geschlecht genauso gepflegt hatte wie zum anderen.

Harald und Michael, 30. September 2020

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