Harmonie

Derartiges hatte selbst Kuppelwieser, der Inhaber der gleichnamigen Partnervermittlung, noch nie erlebt, obwohl er schon Jahrzehnte im Geschäft war und ihm das Zwischenmenschliche in all seinen Nuancen bestens vertraut war. Christian und Ursula, die sich bei seinem Institut eingeschrieben und die obligaten Fragebögen zur Erstellung ihrer Profile ausgefüllt hatten, wiesen eine absolute, hundertprozentige Übereinstimmung in allen Punkten auf.

Sie fuhren beide gern Moped, das selbe Modell, eine kleine, malvenfarbene Aprilia, interessierten sich beide für Philatelie und sammelten beide das selbe Spezialgebiet, nämlich unterfrankierte Feldpostbriefe aus dem Burenkrieg, besonders die Jahrgänge 1899 und 1900, und liebten die selben Sportarten, Squash und Curling. Auch von ihren Sternzeichen her harmonierten sie perfekt – Christian war ein Zwilling, Ursula eine Waage, was bedeutete, das sie stets zusammenhalten würden wie Pech und Schwefel, einerlei, was das Schicksal mit ihnen vorhatte. Sie waren beide Vegetarier, ihre Großväter hatten Seite an Seite in den Schützengräben bei Verdun gekämpft und gelitten. Beide waren sie an erotischen Experimenten interessiert und wünschten sich vier bis sieben Kinder. Sie urlaubten beide gern in Bad Tatzmannsdorf und auf Madagaskar (wo sie einander aber noch nie begegnet waren), fürchteten sich beide vor unerwarteten Steuernachforderungen seitens des Finanzamts und wollten beide einmal auf hoher See bestattet werden, wenn ihnen dereinst die Stunde schlug.

Kuppelwieser war überglücklich, als er die Profile vollständig mit einander verglichen hatte. Er spürte, dass er für sein Institut beträchtlichen Nutzen aus der sagenhaften Harmonie seiner beiden Klienten ziehen konnte. In ihm reifte ein Plan. Er wollte Christian und Ursula das Ergebnis ihres Profilvergleichs persönlich mitteilen und sie um Erlaubnis bitten, dass er ihr erstes Rendezvous filmen und daraus einen Werbespot für seine Partnervermittlung machen durfte. Ursula und Christian waren beide unabhängig von einander außer sich vor Freude, als Kuppelwieser sie nacheinander anrief. Dass er ihr erstes Treffen filmisch festhalten wollte, hielten sie beide für eine reizende Idee. Beide äußerten die Hoffung, dass sie das Ton- und Bilddokument einst ihren gemeinsamen Kindern vorführen würden können.

Kuppelwieser, der auch ein gewiefter Geschäftsmann war, schlug als Ort für die Verabredung ein Lokal vor, mit dem sein Institut eng zusammenarbeitete. Christian, der sein Moped am Vordereingang des Lokals parkte, und Ursula, die mit ihrem Moped amHintereingang vorfuhr, wurden von Mitarbeitern des Partnerinstituts an den für sie reservierten Tisch geführt, der mit einer Art Paravent versehen war, der den beiden um einander Werbenden zunächst die Sicht aufeinander verstellte.

Als Kuppelwieser sich mit seiner Kamera in Position gebracht und die Aufnahme gestartet hatte, zogen die Mitarbeiter den Paravent vom Tisch. Christian und Ursula waren so entzückt voneinander, dass sie sich mit verliebten Blicken ohne Worte anhimmelten. Kuppelwieser filmte eifrig mit. Als Ursula und Christian es nicht mehr länger aushielten, liefen sie um den Tisch herum, um einander in die Arme zu schließen. In letzter Sekunde zuckte Ursula zurück und stutzte.

„Was ist?“, rief Christian.

„Du stinkst!“ erwiderte Ursula.

Auch Christian streckte prüfend seine Nase nach vorne und erwiderte: „Du auch! Tut mir leid!“

„Mir auch!“, sagte Ursula. „Und was machen wir jetzt?“

„Ich geh ins Kloster“, sagte Christian.

„Ich auch!“, sagte Ursula.

Traurig verließen sie getrennt von einander das Lokal durch die einander gegenüber liegenden Eingänge, durch die sie auch gekommen waren.

Während Christian bereits auf seiner Aprilia sitzend am Gasgriff drehte, spürte er plötzlich, wie von hinten Arme um seinen Bauch geschlungen wurden. Voller Hoffnung drehte er sich herum und sah, wer sich auf seinem Sozius niedergelassen hatte.

„Im Kloster ist sicher auch für mich noch eine Zelle frei“, sagte Kuppelwieser.

Christian nickte seufzend und fuhr los.

Michael, 2. Oktober 2020

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