Schlangenfreud und Schlangenleid

Nachdem ich mich in meinem vorigen Leben ordentlich daneben benommen hatte, wurde ich diesmal völlig zurecht als männliche Schlange wiedergeboren. Ich fügte mich ergeben in mein selbst verschuldetes Schicksal und durchlebte eine passable Jugend auf einem felsigen Hochplateau. Als mir irgendwann die Fortpflanzungshormone einschossen, machte ich mich auf die Suche nach einer Gefährtin und wurde bald fündig, in Gestalt von Gertraud, einer blonden Brillenschlange, die auf mich einen äußerst attraktiven Eindruck machte. Gertraud erhörte mich. Bald schon schlängelten wir gemeinsam durchs Leben und zogen in die selbe Schlangengrube. Als ich Gertraud fragte, ob sie sich vorstellen könne, in absehbarer Zeit mit mir eine Schlangenbrut zu zeugen und großzuziehen, antwortete sie mir, dass sie sich nichts so sehr wünsche wie dies. Allerdings müssten wir zuerst heiraten, damit sie, Gertraud, sicher versorgt sei. Ich erwiderte, dass wir dann keine Zeit verlieren sollten, und wollte gleich das Aufgebot bestellen. Das Tier, das von Amts wegen für die Trauungen zuständig war, war ein alter, weiser Pelikan. Alles schien in bester Ordnung. Doch als ich mit meiner Braut auf dem Standesamt auftauchte, winkte der Pelikan sofort ab. Er nahm mich beiseite und beschied mein Heiratsgesuch abschlägig. Erbost fragte ich ihn nach dem Grund. Meine Braut, rief der Pelikan, spreche mit gespaltener Zunge. Natürlich tue sie das, rief ich aufbrausend, sie sei ja auch eine Schlange. Das meine er nicht, sagte der Pelikan. Gertraud sei gar keine richtige, sondern eine falsche Schlange. In Wirklichkeit sei sie ein steckbrieflich gesuchter, verkleideter Aal. Er habe sie sofort durchschaut. Ich fragte den Pelikan, ob eine Prämie für Gertrauds Ergreifung ausgesetzt sei. Der Pelikan nickte. Wir könnten es so einrichten, bot er mir an, dass ich Gertraud bei der Tierbehörde verpfiffe und die Belohnung kassierte. So tief sei ich bei aller Enttäuschung nicht gesunken, erwiderte ich. Ich liebte sie sehr, sähe aber natürlich ein, dass ich als Schlange keinen Aal ehelichen könne. Ich verschwand, ohne mich von Gertraud zu verabschieden, durch die Hintertür aus dem Standesamt und trat auf der Stelle in ein Schlangenkloster ein, wo ich bis zu meinem neuerlichen Tod unbehelligt und enthaltsam lebte.

Michael, 11. Dezember 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s