Die Polizistin

Ich bin kriminell, schwerkriminell. Nicht offiziell, offiziell bin ich mit einem kleinen Café in Salzburg selbständig und schreibe Kurzgeschichten. Mit einem Audi A8 rückwärts samt Prellbock im richtigen Tempo in die Auslage eines Juweliergeschäfts zu fahren, lernte ich erst mit der Zeit. Aber dann funktionierte es gnadenlos. Wir waren immer zu zweit, die Einbrüche dauerten keine zwei Minuten. Ich kenne mich aus mit Schmuck und Uhren. Wellendorf und Rolex, alles andere uninteressant, da zumindest nicht für mich problemlos verwertbar. Es war in einer Dezembernacht in Linz, wir hatten die Lage wochenlang analysiert. Es waren nächtens nur ganz wenige Passanten unterwegs, die Anfahrt relativ problemlos. Der Krach erschütterte die Stille, 120 Sekunden zeigten unsere beide Uhren an, bei 60 Sekunden waren wir bereits bei über einer Million Euro. Als wir den A8 bestiegen, war es mit ungefähr 2,5 Millionen Euro einer unser erfolgreichsten Coups. Wir rasten mit mehr als 150 km/h aus der Innenstadt, als wären wir nie da gewesen. Ich passe immer bei unübersichtlichen Stellen sehr auf, bremse auch, wir wollen niemanden gefährden. Mein Kompagnon teilte den Schmuck gerecht und an einem Parkplatz, niemand folgte uns, ließen wir den Audi stehen und stiegen jeder für sich in ein anderes Fahrzeug um. Gemütlich fuhren wir in verschiedene Richtungen weiter. Ab diesem Zeitpunkt sind wir in Sicherheit. An diesem Dezemberabend sollte es für mich aber anders kommen. Ich wollte gerade die Autobahnauffahrt Richtung Salzburg nehmen, da stand eine relativ junge Polizistin und hielt mich auf. Ihr Kollege kontrollierte die Fahrzeuge auf der anderen Straßenseite, mehr als 150 Meter entfernt. Die Kennzeichen sind immer gestohlen. Sie wollte den Zulassungsschein sehen, Fehlanzeige. Ich sollte aussteigen, machte ich auch. Nun den Kofferraum öffnen, auch dieser Bitte kam ich nach. Ich schaute kurz auf ihren Kollegen, dieser war beschäftigt, weit genug entfernt. Nun wurde es knapp, sie wollte, dass ich die Tasche öffne. Sie war jung, hatte vermutlich noch wenig Erfahrung, der Abstand zu mir zu knapp. Ich holte mit dem Fuß aus und versuchte sie mit in Kampfsport-Manier zu Fall zu bringen. Dieser Schlag war mir aus dem Thai-Chi bekannt und ich konnte ihn auch sehr schnell ausführen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass diese junge, blonde und durchaus hübsche Polizistin mit den blauen Augen eine Nahkampfausbildung absolviert hat. Da lag nun ich am Boden, sie entfernte sich und zielte mit ihrer Pistole aus drei Meter Entfernung auf mich. Ich stand auf ihren Befehl auf, gab die Tasche auf den Boden und öffnete sie ganz langsam. Ich wusste, sie würde bei einer falschen Bewegung auch schießen. Sie sah nun den ganzen Schmuck, ich war verloren. „Gestohlen!“, lächelte sie. „Ja, gestohlen.“, antwortete ich, es war ja sinnlos, was anderes zu behaupten. „Wellendorf.“, führte ich aus, als ich ihr den Ring zeigte, den ich unbemerkt aus der Tasche herausgezogen hatte. Sie erkannte den auf 127 Frauenherzen limitierten, drehbaren Wellendorf-Ring mit dem roten Herz, 18 Karat Gelbgold samt Orange- und Rottönen und Brillanten. Sie überlegte und fragte nach dem Wert der Tasche. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Über eine Million Euro.“ und lächelte charmant. Wir schauten uns in die Augen, sie senkte die Pistole. Eine Polizistin, die eine von 127 Frauen sein könnte und diesen Ring tragen würde. Eine Polizistin, die in ihrem Leben nicht soviel verdienen würde, um sich diesen Ring zu leisten. Ich ging langsam auf sie zu, sie hatte immer noch die Pistole in der Hand. Ich war nervös, als ich ihre Hand nahm, in der sie nicht ihre Pistole gehalten hatte. Langsam steckte ich ihr den Ring an den Finger, er passte wie angegossen. Wir sahen uns in die Augen, ich drehte mich um, ging zum Auto und gab die Tasche wieder in den Kofferraum. Der Kollege kontrollierte auf der Gegenseite immer noch Autos. Langsam öffnete ich die Tür und stieg ein. Ich sah sie im Rückspiegel, als ich den Motor startete. Sie hatte die Pistole zurück in den Holster gegeben und schaute auf den Ring, den sie in ihrer Hosentasche verschwinden ließ. Eigentlich hätte ich einfach fahren sollen. Ich stieg aber nochmals aus, schaute sie an, küsste sie und gab ihr meine Nummer. Völlig verrückt, aber ich konnte nicht anders. Zwei Tage später rief sie an, wir trafen uns in meiner Penthouse-Wohnung in Salzburg. Es war unglaublich, wie für einander schon immer bestimmt, beide hatten wir ein besonderes Faible für Wellendorf. Wir sind einfach nur glücklich, es ist schön genug Geld zu haben. Sie kündigte ihre Stelle drei Monate später, passte ja nicht wirklich zu meinem Beruf und wir kauften uns nach einem letzten, gemeinsamen und wieder erfolgreichen Coup eine weitere Wohnung in Buenos Aires zur Sicherheit. Doch in Salzburg glauben unsere Freunde und Bekannte ohnehin, dass ein kleines Café, das vier Tage die Woche für wenige Stunden geöffnet hat, für Wellendorf, Porsche Taycan und Penthouse reicht. Uns soll es recht sein.

Harald, 11. Dezember 2020

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