Liebe ab 50

Raimunds Ehe ging nach drei Jahrzehnten in die Brüche. Er hatte wohl zu viel gearbeitet, Opern zu wenig geliebt und seine Assistentin hatte zu blonde Haare. Es lag also an den Umständen und er war jedenfalls nicht schuld. Seither genoß er das Nachtleben in rauen Zügen und lernte auf diese Weise unzählige Frauen kennen. Eine davon dekorierte bereits am Morgen seine lieb gewonnene, neue Wohnung um, andere sortierten die Tassen nach Farben, putzten wie verrückt, erzählten über Tage und Nächte ihre Lebensgeschichten, fragten ihn nach Koks, tranken zum Frühstück Vodka, wollten ihm ein Tatoo mit ihrem Namen nach einer Nacht verpassen. Als die letzte ihn biss und dabei einen erregten Blick bekam, wusste er, dass er etwas ändern musste. Am Morgen, als er alleine war und sich von der nächtlichen Bissattacke erholt hatte, surfte er im Internet. Bei einem Portal, das Liebe ab 50 versprach, blieb er hängen. Er entschied sich für den kostenpflichtigen Premium-Account und legte sofort ein Profil an. Raimund erhielt relativ schnell nicht wenige Kontaktanfragen. Er ging alphabetisch vor und traf sich mit Amely, Angela, Angie und Antje in der ersten Woche. In der Woche mit Eike, Elea, Elisa und Esther gab er aber auf. Es war noch schlimmer als mit den nächtlichen Bekanntschaften. Sie zerrten ihn auf Berge, waren topfit, zwangen ihn zum Laufen, Radfahren, kochten vegan, schmissen seine Schokolade weg. Seine ernsthaften Versuche mit den Online-Portalen „Liebe ab 40“ und „Liebe ab 30“ scheiterten ebenfalls. Er wollte keine spirituellen Reisen in sein Inneres unternehmen und schon gar nicht mehr Vater werden. Er überlegte, ob er nicht als Single durchs restliche Leben ziehen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder schnell. So engagierte er eine Flirtberaterin, vielleicht machte ja er etwas falsch. Diese klärte ihn auf, dass sein Jagdgebiet kaum Erfolg bringen würde. Weder das Internet noch die nächtlichen Lokale wären geeignet, Lebenspartnerinnen kennenzulernen. Sie schärfte gemeinsam mit ihm sein Profil und nach fünf Sitzungen hatte er Klarheit. Er begann in Heidelberg das Studium „Nachhaltiges Management“, kaufte sich einen Tesla und mietete eine Villa in Ziegelhausen mit einer Photovoltaik-Anlage am Dach. Er ging wie von der Flirtberaterin empfohlen, auf keine der Studentenpartys, sondern meldete sich in vier verschiedenen Lerngruppen an. Sie liebten sein Engagement, seine Erfahrung, sein Wissen, seine grauen Haare, vielleicht auch ein wenig sein Geld und die Villa. Saskia war mit ihren 24 Jahren perfekt, makelloser Körper, passte sich an, ließ ihn gewähren, war nicht eifersüchtig und das gemeinsame Kochen war immer großartig, der Rest sowieso. Wegen eines Geschäftstermins fuhr er nach einem halben Jahr für eine Woche nach Österreich. Als er zurückkam, saß Saskia heulend im Wohnzimmer und berichtete von einem Tom, der mit 27 Jahren doch etwas jünger war als er. Da er in den darauffolgenden Nächten durchgehend den Schlager „Memories of Heidelberg“ lautstark hörte, klingelten zwei Polizistinnen. Er öffnete die Tür und lächelte, was laut der Flirtberaterin immer das Wichtigste wäre. Der Mann mit Liebeskummer in den Augen überzeugte und eine Woche später war die doch etwas ungewöhnliche WG bereits gegründet. Als er nächtens mit Handschellen wieder einmal an das Bett gefesselt war und die Polizistinnen mit der Waffe spielten, beschlich ihn leise der Verdacht, dass das diesmal doch seine Schuld sein könnte.

Harald, 12. Februar 2021.

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