Dicke Kartoffeln

Als ich einmal während einer Spritztour mit meinem alten Peugeot auf einem Acker ein riesiges Loch entdeckte, dessen merkwürdige Form mich zutiefst beunruhigte, hielt ich an und fragte mich zu dem Bauern durch, dem der Acker gehörte.

„Du hast da ein Loch in deinem Acker, Meister!“, berichtete ich ihm aufgeregt (ich nannte ihn Meister, weil mir die korrekte Ansprache für Bauern nicht geläufig war).

„Schon wieder!“, antwortete der Bauer. „Das waren wieder die verdammten Außerirdischen! Rasch! Bring mich hin!“

Ich tat ihm den Gefallen, führte ihn hinaus aufs Feld und zeigte ihm die Öffnung.

„Sieht aus wie ein riesiger Anus!“, sagte ich.

„Ich finde“, rief der Bauer, „es sieht aus wie ein riesiges Arschloch.“

„Das ist doch dasselbe“, erklärte ich. „Anus ist bloß ein schöneres Wort.“

„Ach so“, sagte der Bauer. „Das wusste ich nicht. Komm!“

Er bedeutete mir, ihm zu folgen, und begann das Loch umrunden. Ich hielt mich dicht hinter ihm.

„Achtung!“, rief der Bauer plötzlich, als sich die Öffnung in der Mitte ein wenig zu weiten begann. „Schnell, halt dir die Nase zu!“

Ich fragte nicht lange nach dem Grund, sondern leistete der Aufforderung augenblicklich Folge. Es war gerade noch rechtzeitig. Der riesige Anus öffnete sich noch weiter und stieß eine gigantische Wolke aus, die einen Teil des Tageslichts verschluckte und deren penetranter Fäkalgeruch so übel war, dass ich fast ohnmächtig wurde, obwohl ich zwei Finger fest auf meine Nasenflügel presste.

„Weg hier!“, rief der Bauer. „Es ist das Tor zur Hölle!“

Erst nachdem wir ein paar hundert Meter gelaufen waren, atmeten wir tief durch.

„Was ist hier los, Meister?“, fragte ich keuchend. „Wer wollte uns ans Leder?“

„Die verdammten Außerirdischen, wie ich schon sagte“, erwiderte der Bauer. „Aber ich verkaufe nicht. Unter keinen Umständen!“

„Außerirdische wollen den Acker kaufen?“, hakte ich nach. „Wozu denn das?“

„Sie wollen einen Raumbahnhof errichten“, erklärte der Bauer. „Ich weigere mich schon seit Wochen. Genauso lange schikanieren sie mich auch.“

„Und jedesmal mit einem furzenden Anus?“, fragte ich nach.

„Nein, nein“, sagte der Bauer. „Es ist jede Woche etwas anderes. Einmal war es eine aufplatzende Eiterbeule. Ein anderes Mal ein Ohrenschmalzkatapult. Und ein drittes Mal ein Achselschweißzerstäuber. Aber nun reicht es. Ich werde sie anrufen!“

„Wie, anrufen?“, fragte ich.

„Sie haben mir ihre Nummer gegeben“, sagte der Bauer. „Für den Fall, dass ich verkaufen will.“

Er holte sein Mobiltelefon hervor und tätigte einen Anruf. Nur wenige Augenblicke später materialisierte aus dem Nichts eine Landefähre. An dem Gefährt öffnete sich eine Klappe, aus der eine Frauengestalt ins Freie trat. Ihre Hautfarbe war dunkelviolett.

„Aber sie ist ja nackt!“, rief ich entgeistert.

„Stimmt“, bestätigte der Bauer. „Das sind diese Außerirdischen immer. Das ist übrigens die Kommandantin.“

„Was ist, Bauer?“, fragte sie knapp und trat näher. „Willst du endlich verkaufen?“

„Ich denke gar nicht daran“, sagte der Bauer. „Beschweren wollte ich mich über den Gestank aus eurem Riesenhintern. Diesmal seid ihr zu weit gegangen.“

„Hör zu, Bauer“, sagte die Kommandatin. „Wir brauchen deinen Acker wirklich dringend. Die geologischen Verhältnisse sind für unseren Raumbahnhof ideal. Ich mache dir jetzt einen letzten Vorschlag zur Güte. Wir können nämlich auch anders, musst du wissen.“

„Dann lass hören, Kommandantin“, erwiderte der Bauer und verschränkte seine Arme. „Ich bin gespannt.“

Die Kommandantin steckte zwei Finger in den Mund und tat einen schrillen Pfiff, auf den hin eine weitere Frauengestalt aus der Landefähre stieg, deutlich jünger als die Kommandantin, mit einer sagenhaft wohlproportionierten Figur und türkiser Hautfarbe. Sie war ebenfalls nackt. Der Bauer starrte sie völlig ungläubig an. Auch ich konnte meinen Blick nicht von der Schönen wenden.

„Das ist Körka“, erklärte die Kommandatin. „Sie ist Studentin der Astrologie, Numerologie und Parapsychologie. Eine blitzgescheite, attraktive, junge Frau. Meine Tochter.“

„Ja, ja“, sagte der Bauer, der gar nicht mehr mit dem Kopf zu denken schien. „Ja, ja, ja.“

„Ich gebe sie dir zur Frau“, erklärte die Kommandantin, „wenn du mir dafür dein Grundstück überschreibst.“

„Ja, ja!“, rief der Bauer, dessen Pupillen sich schon auffällig geweitet hatten vom ununterbrochenen Glotzen. „Ich bin einverstanden.“

„Allerdings gibt es noch ein kleine Zusatzbedingung“, erklärte die Kommandantin.

Sie stieß einen weiteren Pfiff aus, auf den hin eine weitere junge Frau, diesmal mit königsblauer Hautfarbe, aus der Klappe trat, genauso schön und begehrenswert wie die erste, selbstredend ebenfalls nackt.

„Spocka“, erklärte die Kommandantin knapp. „Körkas Schwester. Ebenso schön und klug wie ihre Schwester. Spocka musst du auch noch heiraten. Das ist meine Bedingung.“

„Ja, nein“, sagte der Bauer, dem abwechselnd heiß und kalt wurde. „Ja, ich meine, nein, das kann ich nicht. Das wäre ja Bigamie. Das ist bei uns nicht erlaubt.“

„Dann haben wir ein echtes Problem“, erklärte die Kommandantin und blickte plötzlich zum ersten Mal mich an. „Obwohl … wenn dein Freund hier Spocka heiratet, soll es mir auch recht sein.“

Der Bauer blickte flehentlich zu mir herüber. Ich wusste, dass ich keine Wahl hatte. Darüber hinaus machte mir Spockas Anblick die Entscheidung leicht.

„Das tue ich mit Freuden“, deklamierte ich betont feierlich. „Ich bin dabei.“

„Fein“, rief die Kommandantin und klatschte in die Hände. „Nur eins noch: Ich erwarte mir viele Enkelkinder.“


Nur wenige Tage später wurde Doppelhochzeit gehalten, auf dem Bauernhof, nach außerirdischem Ritual. Weil der Bauer und ich nunmehr verschwägert waren, lud er mich ein, in Zukunft zusammen mit ihm auf seinem Hof zu wohnen und ihm als gleichberechtigter Partner zur Seite zu stehen. Ich nahm auch dieses Angebot freudig an.


Seither sind etwa fünf Jahre vergangen. Was soll ich sagen? In einer bestimmten Sache können mein Schwager und ich nicht mehr. Wir verbringen zwar immer noch die meiste Zeit mit unseren Frauen in unseren Betten, allein die erlösende Nachricht, dass sich endlich Nachwuchs einstellen wird, will nicht kommen.

Die Sache mit dem Raumbahnhof hingegen klappt sehr gut. Die Außerirdischen reisen so diskret an und ab, dass die Einheimischen nichts bemerken.

Für die Feldarbeit haben wir überhaupt keine Zeit. Trotzdem wachsen auf den übrigen Feldern von selbst die herrlichsten Kartoffeln. Sie werden jedes Jahr dicker. Es muss etwas mit diesem Sprichwort zu tun haben, denke ich mir, in dem es heißt, dass bestimmte Bauern die dicksten Kartoffeln haben. Was das für Bauern sind, habe ich aber vergessen. Mein Schwager, den ich schon gefragt habe, weiß es leider auch nicht.

Michael, 5. März 2021

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