Der Alptraumaffe

Als ich einmal im letzten Augenblick aus einem Alptraum entkam und unversehrt in die Wirklichkeit zurückkehrte, folgte mir jener charakterlose Affe, der mich im Schlaf meinen Häschern beinah ans Messer geliefert hatte, in mein reales Leben, indem er einfach mit mir durch jene Dimensionspforte sprang, hinter der ich in Sicherheit war. Ich versuchte, den Affen sofort wieder zurückzuschieben in die Traumwelt, ehe die Pforte sich wieder schloss, aber es misslang. Das mit allen Wassern gewaschene Tier wehrte sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erfolgreich gegen mein Schubmanöver und hielt sich, wo es war, nämlich in meiner Realität. 

„Ich will dich hier nicht haben, du Terrorprimat!“, rief ich ungehalten. „In meinem Traum hast du mich verraten und verkauft, ohne mit der Wimper zu zucken, und nun dringst du auch noch in meine Wirklichkeit ein. Fort mit dir!“ 

Der Affe lachte nur, krallte sich an meinen Gardinen fest und begann, wild zu schaukeln. In meiner Verzweiflung griff ich zum Hörer, rief die Affennotfall-Hotline an und bat darum, dass man den haarigen Plagegeist sofort abholte. Die Dame, die mit mir sprach, sagte es mir zu. Sie machte aber leider einen Rückzieher, als sie erfuhr, woher mein Affe stammte. Für Alptraumaffen sei die Hotline nicht zuständig, da müsse ich mir schon selbst helfen. Der Vollständigkeit halber weise sie mich noch darauf hin, dass eine Sorgepflicht meinerseits gegenüber einem mir zugelaufenenen Primaten bestünde und dass ich ihn nicht einfach irgendwo aussetzen dürfe. Ein solches Verhalten zöge nämlich empfindliche Geldstrafen nach sich. 

Wütend legte ich auf, ehe ich mich noch zu einer verbalen Entgleisung hinreißen ließ. 

„Das hast du ja fein eingefädelt!“, schnauzte ich den Affen an, der immer noch an meinen Gardinen hing. „Ich muss dich also hier behalten.“ 

Er schwang sich auf den Lampenschirm und fegte im Flug meine Kakteen von der Fensterbank. 

„So werden wir keine Freunde!“, rief ich scharf und schüttelte die Faust. „Ich werde dir erbitterten Widerstand entgegensetzen und dir deine Flausen austreiben, du, du …“ 

Ich stockte. Der Affe blickte mich erwartungsvoll an. 

„Du, du … wie heißt du eigentlich? Ach, vergiss es, das kannst du mir ja nicht sagen.“ 

„Und warum nicht?“, fragte der Affe plötzlich mit entwaffnendem Charme. „Ich heiße Fjodor. Und du bist Fischbein, oder?“

 „Ja“, erwiderte ich völlig verdattert. „Fischbein, ich bin Fischbein, und du bist Fjodor. Aber Affen können doch gar nicht sprechen, oder?“ 

„Wenn sie es gelernt haben, schon“, erklärte Fjodor und nahm sich ohne zu fragen eine von meinen Pall Mall. Er rauchte in gierigen, tiefen Zügen. Ich raufte mir die Haare und bat das Universum, dass es mich noch einmal aufwachen ließ, weil ich insgeheim hoffte, dass ich im Traum noch einmal geträumt hatte. Der Affe Fjodor, der meine Gedanken zu erraten schien, dämpfte seine Kippe aus und zwickte mich in den Oberarm. 

„Nein, nein!“, lachte er. „Du brauchst gar nicht mehr zu hoffen. Wir sind auf der obersten Ebene. Das hier ist deine Realität!“

„Ich will es nicht glauben!“, rief ich verzweifelt. „Du kommst mir vor wie dieser Affe aus der Kafka-Geschichte, der der Akademie über sein Leben berichtet.“

„Ach, du meinst Rotpeter“, sagte Fjodor. „Den kenne ich gut. Persönlich. Er bevorzugt auch Pall Mall, wenn er zur Zigarette greift. Tut er aber nur selten.“

Fjodor bediente sich ohne zu fragen noch einmal aus meinem Päckchen. 

„Du bist doch völlig verrückt!“, rief ich. „Du bist genauso wenig real wie dieser Rotpeter, der aus einer Geschichte stammt. Du bist ein Trittbrettfahrer aus meinem Traum, ein blinder Passagier, der sich jetzt in meiner Wirklichkeit breit macht und mich an den Rand des Wahnsinns treibt!“ 

„So ist es“, lächelte der Affe Fjodor sanft und blies mir den Rauch ins Gesicht. „Du hast das große Los gezogen. Ich bin dein Hauptgewinn. Das hast du messerscharf analysiert.“ 

Ich ballte meine Linke zur Faust und holte aus, um dem vermaledeiten Affen einen Hieb zu versetzen. 

„Aber nicht doch“, rief Fjodor, duckte sich, sprang in die Höhe und klammerte sich an die Gardinenstange und fing an wie wild zu wippen. „Du hast eine Sorgepflicht, schon vergessen? Keine Gewalt, hat die Dame von der Hotline gesagt. Ich würde dich verpfeifen, Fischbein, damit du’s weißt.“ 

Er turnte auf den Tisch und nahm sich eine weitere Zigarette. „Ich halte es nicht länger aus!“, schrie ich. „Es muss endlich etwas geschehen!“ 

Zu meiner großen Verblüffung hatte das Universum in diesem Moment ein Einsehen. Es geschah tatsächlich etwas. Spektakulär wurde von außen meine Wohnungstür eingetreten. Eine Horde von weiteren Affen stürmte herein, die Fjodor umzingelten und ihm Handschellen anlegten. Die Anführer des Trupps stellten sich mir als Dr. Zira und Dr. Cornelius vor. 

„Wir bitten um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, die wir Ihnen bereitet haben“, sagte Dr. Zira, bei der es sich offensichtlich um eine Affendame handelte. „Wir konnten aber erst beim dritten Vergehen eingreifen.“ 

„Ich verstehe nur Bahnhof“, sagte ich und blickte auf Fjodor, der auf einmal eine extrem unterwürfige Haltung einnahm. „Erklären Sie mir bitte, was hier gespielt wird.“ 

„Es ist ganz einfach“, erwiderte Dr. Cornelius und wies auf Fjodor. „Er hier weiß ganz genau, dass für uns Alptraumaffen ein striktes Rauchverbot gilt. Wir von der Affenpolizei dürfen aber erst bei der dritten Zigarette einschreiten. So steht es geschrieben in unseren Gesetzen.“

„Dumme Gesetze sind das!“, rief Fjodor entrüstet dazwischen. „Ich will rauchen!“ 

„Hören Sie nicht auf ihn“, sagte Dr. Zira. „Bei uns werden die Gesetze eben von Affen gemacht!“ 

„Seltsam“, erwiderte ich nachdenklich und rieb mir das Kinn. „Das ist bei uns genauso.“

Sie steckten mir ein Bündel Affendollar zu als Ersatz für die eingetretene Tür, verabschiedeten sich, packten Fjodor und führten ihn ab. 

Ehe ich allzu sehr ins Grübeln geriet, was mir eben zugestoßen war und wie ich es bewerten sollte, hatte das Universum noch eine Überraschung für mich bereit. Obwohl ich es nicht mehr für möglich gehalten hatte, erwachte ich ein weiteres Mal. 

Ich fand mich im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg wieder, wo ich offensichtlich in einer langweiligen Sitzung eingenickt war. Dann fiel es mir wieder ein, dass ich ja ein Abgeordneter der Tierschutzpartei war. Es lief gerade eine Abstimmung über ein Rauchverbot für sämtliche in der Gemeinschaft ansässigen Affenarten. Nach kurzer Überlegung drückte ich auf den Knopf. Ich stimmte dagegen.

Michael, 26. Februar 2021.

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