Die steinerne Frau

Anselm entdeckte in der Ferne auf dem Steg, der auf den See hinausführte, eine berückend schöne Frauengestalt. Als er aufs Wasser hinausging und sich ihr näherte, stellte er fest, dass sie sich überhaupt nicht bewegte. Selbst als Anselm sie an der Schulter berührte, blieb sie völlig regungslos und starr sitzen. Anselm spürte, dass kein Leben in der Frau war. Sie fühlte sich kalt und hart an. Plötzlich begriff Anselm, dass die Frau eine steinerne Statue war. Dennoch entstand in ihm das Bedürfnis, das Wort an sie zu richten. „Du bist so schön“, sagte er, „und nah und fern zugleich. Ich wünschte, ich könnte dich zum Leben erwecken.“ In diesem Augenblick ging ein Ruck durch die steinerne Schöne und machte sie plötzlich weich und beweglich. Amselms aufkeimende Hoffnung wurde allerdings jäh enttäuscht, als die Frau sich vornüber beugte und in den See stürzte, der an dieser Stelle seicht genug war, dass man vom Steg aus bis zum Grund hinunterblickten konnte. Anselm traute seinen Augen nicht, als er ins Wasser sah. Die steinerne Frau war verschwunden. Daraus, dass er sie nicht fortschwimmen gesehen hatte, schloss er, dass sie sich im Wasser aufgelöst hatte. Das wünschte Anselm sich für sich selbst auch. Er zog sich aus, legte seine Kleider auf dem Steg ab und sprang der steinernen Frau hinterher. 

Michael, 13. August 2021.

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