Bürsten

Im Treppenhaus auf dem Arbeitsamt stolperte Apollonia über einen Satz unterschiedlicher Bürsten, die dort herrenlos herumlagen. Weil sie eine ehrliche Haut war, wollte sie ihren Fund unten im Erdgeschoss beim Pförtner abgeben, damit der Besitzer ermittelt werden konnte, der seine Putzutensilien womöglich bereits schmerzlich vermisste. Der Portier, der aussah wie ein Wasserbüffel, der schon viel zu lange auf dem Trockenen saß, fing gequält zu brüllen an, als Apollonia ihm ihr Anliegen vortrug, und riet ihr, dass sie sich mit ihrem Müll, als welchen er ihre Bürsten bezeichnete, schleunigst aus dem Staub machen solle. Er sei nämlich als Portier auf dem Arbeitsamt angestellt und nicht als Abfallberater. Als er geendet hatte, lächelte er plötzlich. Apollonia, die ohnehin schon ein wenig gedämpfter Stimmung war, weil an jenem Tag keine neuen Stellenangebote für sie hereingekommen waren, packte erschrocken ihren Bürstensatz, suchte das Weite und zog sich erst einmal in einen nahegelegenen Park zurück, wo sie sich auf eine freie Bank setzte und nachdachte. Sie fürchtete ernsthaft um ihre Zukunft. Einerseits suchte sie eine Stelle, fand aber keine, sinnierte sie. Andererseits suchte sie keine Bürsten, fand aber welche. Diese Sachlage kam ihr ungerecht vor. Sollte das Schicksal doch diejenigen Bürsten finden lassen, dachte sie, die sich aufrichtig darüber freuten und die einen Bezug zu ihnen hatten. Es musste aber doch auch für sie eine Lösung geben, mit der sie leben konnte. Apollonia beobachtete die Tauben, die sich eigenartigerweise gegenseitig ihr Gefieder putzten. Es schien den Vögeln gutzutun. Dem Pförtner wiederum hatte es gutgetan, dass er sie, Apollonia, heruntergeputzt hatte. Also, schlussfolgerte sie, musste auch sie etwas putzen, wenn sie sich wieder wohlfühlen wollte. Im folgenden Augenblick erkannte sie alle Zusammenhänge und Möglichkeiten, die ihr offenstanden. Sie besaß jetzt doch einen Satz von Bürsten, fiel ihr ein, die ihr Putzkompetenz verliehen. Dass ihr dies nicht gleich eingefallen war! Immerhin verlor sie aber keine weitere Zeit mehr, erhob sich von der Bank und begab sich zur nächsten U-Bahn-Station. Die abendliche Stoßzeit war bereits angebrochen, aber dieser Umstand kam Appollonia eher entgegen. Sie sprang als letzte in einen vollbesetzten Wagen, schwenkte mit ausladenen Gesten ihr Bürstenset über ihrem Kopf und warb lautstark um die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste. Sie werde jetzt einen oder eine von ihnen bürsten, kündigte Apollonia an, ob er oder sie es wolle oder nicht. Deswegen rate sie ihnen, dass sich jemand freiwillig meldete. Falls sich kein Freiwilliger fände, könnten sie ihretwegen auch gern würfeln oder losen. Die Fahrgäste losten. Weil zuerst Lose hergestellt und an alle verteilt werden mssten, dauerte es Apollonia viel zu lange. Als sie schon ein wenig ungehalten reagierte, erhob sich im hinteren Teil des Wagens endlich ein Raunen. Man hätte einen Kandidaten gefunden, raunten ein paar Fahrgäste. Er würde gleich nach vorne durchgeschoben. Apollonia grunzte zufrieden und verlangte dann, dass der Freiwillige zuvor vollständig entkleidet werden müsse, damit er es auch richtig spürte, wenn sie ihn bürstete. Wenige Augenblicke später wurde ein nackter Mann vor Apollonia hingestellt, der sich in seiner bloßgestellten Leibesfülle erbärmlich fühlte. Es war der Portier aus dem Arbeitsamt. Apollonia, die keinerlei Rachegelüste hegte, wählte eine mittelharte Bürste und begann gelassen den Nacken und den Rücken des Portiers zu bearbeiten. Behutsam ließ sie das Utensil auf der Haut des Mannes kreisen. Die Fahrgäste sahen neugierig zu. Allmählich steigerte sich Apollonias Sicherheit im Umgang mit den Bürsten. Als sie zusätzlich ein weiteres kleines weiches Exemplar einsetzte und damit tiefer gelegene Regionen am Körper des Portiers gegen den Uhrzeigersinn zu bürsten begann, fing der nackte Pförtner vor lauter Wohlbehagen allmählich zu schnurren an und steigerte stetig die Intensität seiner Laute. Auf dem Höhepunkt seiner akkustischen Zustimmung brach er die Geräuscherzeugung plötzlich ab, bat Apollonia um Verzeihung dafür, dass er sie auf dem Arbeitsamt so schroff abgewiesen hätte, und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Unter dem Applaus der begeisterten Fahrgäste nahm sie den Antrag freudig an. Der ungewöhnliche Vorfall sprach sich rasch herum und sorgte dafür, dass Apollonia nie wieder das Arbeitsamt aufsuchen musste, um sich dort nach freien Stellen zu erkundigen. Sie verbrachte ihre Zeit von da an in U-Bahn-Zügen, wo sie gegen ein angemessenes Entgelt jeden und jede bürstete, der oder die dies wünschte. Die Zahl ihrer Kunden überstieg ihre Kapazitäten bald beträchtlich, so dass es zu Wartezeiten kam, die die zu bürstenden aber gern im Kauf nahmen. Apollonia wurde durch ihren Fleiß und ihre Beharrlichkeit zu einer wohlhabenden Frau. Zusammen mit ihrem Mann, der seinen Job als Pförtner auf dem Arbeitsamt behielt, fanden sie leicht das Auslangen. Abends, wenn sie sich zu Hause trafen, bürstete Apollonia weiterhin regelmäßig ihren Mann, der es jedesmal sehr genoss. Nachdem sie ihm irgendwann die wichtigsten Handgriffe beigebracht hatte, bürstete der Pförtner gelegentlich auch seine Frau.

Michael, 23. September 2021.

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