Viererbob

Einmal beteiligte sich Elsässer an einer Onlinetombola im Darknet und gewann einen der Hauptpreise, nämlich die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen, und zwar im Viererbob. Einzige Bedingung war, dass Elsässer sich seine Mannschaft selbst zusammenstellte, damit die Stifter des Preises keine Mühe damit hatten. Die Spiele sollten in Beaver Creek stattfinden.

Elsässer, dem der Gedanke, dass das Dabeisein alles sei, schon so gut gefiel, dass er den Bobbewerb gar nicht unbedingt gewinnen wollte, lud seine Zechkumpane Rollbratl, Feldhaser und Gugerscheck ein, ihn nach Nordamerika zu begleiten. Rollbratl, der zeit seines Lebens viel zu enge Netzshirts trug, war extrem kurzatmig und schwitzte bei jeder Gelegenheit wie das sprichwörtliche Schwein. Feldhaser, dessen Markenzeichen durchgängige Panikattacken waren, befand sich in jeder Lebenssituation irgendwie auf der Flucht. Und Gugerscheck zwinkerte unentwegt, weil er hoffte, durch abrupte Gesichtsbewegungen die lästigen Sommersprossen von Nase und Wangen zu schütteln.

Elsässer schenkte dem Trio reinen Wein ein und gestand seinen Freunden, dass er keine Möglichkeit sah, dass sie den Olympiasieg im Viererbob errangen. Eine kostenlose Reise nach Nordamerika sei aber auch unter dieser Einschränkung keineswegs zu verachten und werde sie gewiss als Freunde und Zechkumpane noch enger zusammenschweißen. Im Übrigen könne es kein Hexenwerk sein, in einem windschnittigen Bob ein paar Mal einen spiegelglatten Eiskanal hinunter zu rasen.

Rollbratl, Feldhaser und Gugerscheck nickten und saßen wenige Stunden später zusammen mit Elsässer in Flugzeug in die Vereinigten Staaten. In Beaver Creek meldeten sie sich beim Check-In im Olympischen Dorf auch gleich für den Bobbewerb an. Elsässer buchstabierte dem zuständigen Funktionär, der über den Gewinn der Teilnahmeberechtigung als Hauptpreis der Darknettombola bestens informiert war, alle vier Namen. Sie sollten sich so bald wie möglich im Stadion am Fuß der Bob- und Rodelbahn einfinden, sagte der Funktionär, um dort ihren Bob auszufassen und sich mit dem Gelände vertraut zu machen. Trainingsläufe seien wegen der hohen Teilnehmerzahl allerdings nicht vorgesehen.

Die vier leisteten der höflichen Einladung umgehend Folge und fuhren mit dem Shuttlebus hinaus zum Stadion. Sie nahmen ihren Bob in Empfang, der ihnen ganz unbürokratisch ausgehändigt wurde. Elsässer ließ es sich nicht nehmen, das fliederfarbene Gefährt selbst auf den Berg zu ziehen.

Als Rollbratl, Feldhaser und Gugerscheck, die neben ihm hertrabten, realisierten, wie atemberaubend steil das Gelände war und auf welch gefährliches Abenteuer sie sich eingelassen hatten, fingen sie an zu zittern, machten einen Rückzieher und erklärten Elsässer, dass sie unter keinen Umständen bereit waren, ihre Leben im Eiskanal zu opfern. Sie ließen Elsässer kurzerhand stehen und traten den Heimweg an.

Elsässer, der seinen Gewinn unbedingt einlösen und am Rennen teilnehmen wollte, überlegte, inwieweit dies unter den veränderten Umständen überhaupt noch möglich war. Vor allem trieb ihn die Sorge um, dass der Bob mit ihm allein als Besatzung viel zu leicht war, um erfolgreich in der Bahn die Spur zu halten.

Auf dem Weg hinauf entdeckte er plötzlich eine Hütte im Wald, die mit einem Warnschild versehen war. „Champagnerdepot für Siegesfeiern“, stand darauf und: „Betreten verboten.“ Davon ließ Elsässer sich nicht abhalten. Er betrat die Hütte und stellte fest, dass sich in deren Innerem genau das befand, was ihm im Augenblick am meisten half: Kisten voller Champagnerflaschen. Er nahm sich ein paar von den hölzernen Behältnissen, wobei er darauf achtete, dass es sich um verschiedene Marken handelte. Er schlichtete die Kisten in seinen Bob und war sich sicher, dass mit dieser Maßnahme sein Gewichtsproblem gelöst war.

Mit frischem Mut zog er sein fliederfarbenes Gefährt den Berg hinauf. Oben am Start wurde er von einem Funktionär zur Eile angehalten. Es stünde ein schlimmer Wetterumschwung bevor, der sogar mit einem Blizzard einhergehen konnte. Deswegen meinte der Offizielle, dass der Bobbewerb nur aus einem einzigen Lauf bestünde, der alles entscheide. Wenn er, Elsässer, mit seinem Team daran teilnehmen wolle, müsse er sich sputen und sich sofort zum Start begeben.

Elsässer wandte ein, dass ihm seine ursprüngliche Mannschaft abhanden gekommen sei und dass er andere Namen melden müsse. Dafür sei keine Zeit mehr, rief der Funktionär. Er werde einen entsprechenden Hinweis ins Protokoll aufnehmen, dass die Mitglieder des Teams Elsässer nachgemeldet werden müssten.

Elsässer nickte und begab sich an den Start. Als das Signal ertönte, nahm er die Beine in die Hand und schob den Bob mit aller Kraft in Richtung Eiskanal. In jenem Moment, in dem er glaubte, dass er im Lauf mit seinem Gefährt genug Fahrt aufgenommen hatte, sprang er selbst in den Bob und übernahm die Rolle des Steuermanns. Die Champagnerkisten sorgten für erstaunliche Stabilität. Elsässer steuerte seinen Bob mit unglaublicher Leichtigkeit und Eleganz durch die eisige Hölle des Kanals zu einer Fabelzeit. Im Ziel empfing ihn ein Blitzlichtgewitter. Elsässer hatte den bisherigen Bahnrekord regelrecht pulverisiert. Ein Reporter fragte ihn nach den Namen seiner Beifahrer.

Die wolle er auch erfahren, sagte ein Kontrolleur des Olympischen Komitees, der sich ebenfalls am Bahnende eingefunden hatte. Ihm sei von seinem Kollegen am Start gemeldet worden, dass es noch Klärungsbedarf gebe in Zusammenhang mit der Besatzung des Bobs Elsässer. Sie hießen Abelé, Boizel und Canard-Duchêne, erwiderte Elsässer, und seien schwergewichtige, kantige, vierschrötige Erscheinungen, die ihm durch ihren selbstlosen Einsatz geholfen hätten, die Bestzeit zu erringen.

Das Wetter hatte sich inzwischen so weit verschlechtert, dass der Streckenverantwortliche über Lautsprecher den Wettbewerb für beendet erklärte. Dann sei er ja wohl nun der Olympiasieger im Viererbob, strahlte Elsässer. Das hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet.

Abelé, Boizel und Canard-Duchêne müssten aus dem Bob steigen und sich der Öffentlichkeit zeigen, sagte der Kontrolleur. Andernfalls könne er den Lauf nicht werten und müsse Elsässer disqualifizieren. Das sei nicht möglich, erklärte Elsässer, die drei seien doch bloß Kisten voller Champagnerflaschen, die seinem Bob das nötige Gewicht verliehen hätten.

Das Reglement, rief der Reporter dazwischen, verbiete derartiges keinesfalls. Er kenne die Regeln genau. Elsässers Sieg ginge also in Ordnung und müsse bestätigt werden.

Er sei anderer Meinung, warf Waldemar Puttinger ein, der sich dazugesellt hatte und der mit seinem Team auf dem zweiten Platz lag und noch auf den Olympiasieg spitzte. Die Tatsache, dass Elsässers Beifahrer Champagnerkisten seien, störe ihn überhaupt nicht, aber Abelé, Boizel und Canard-Duchêne seien Franzosen; bei den Olympischen Spielen müssten aber alle Mitglieder einer Mannschaft aus dem selben Land stammen.

Er heiße Elsässer, sagte Elsässer zu Puttinger, und frage sich, ob da bei ihm, Puttinger, gar nichts klingle. Er sei selbstverständlich auch Franzose.

So kam es, dass der Kontrolleur Puttingers Protest abwies, Elsässers Sieg bestätigte und dem frisch gebackenen Gewinner bei der anschließenden Siegerehrung vier Goldmedaillen umhängte. Zum ersten Mal geschah es bei Olympischen Spielen, dass die Sieger nach ihrem Sieg ausgetrunken wurden und sich so aus sich selbst heraus würdig feierten.

Rollbratl, Feldhaser und Gugerscheck, die die Zeremonie in ihrem Zimmer im Olympischen Dorf im Fernsehen mitverfolgten, hörten endlich auf zu zittern und verfluchten ihre Feigheit.

Michael, 7. Juli 2023

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