Die Jagd nach dem inneren Kind

„Hubert, ach Hubert“, seufzte seine neue Freundin Linda. Wieder einmal war er auf dem besten Weg, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.

Für den Job in einem hippen Start-up fühlte er sich mit knapp sechzig einfach zu jung – also kündigte er kurzerhand. Jetzt versuchte er sein Glück als selbstständiger Tester für Kleinkinderspielzeug. Vergnügt saß er im Wohnzimmer auf dem Boden, umgeben von Holzklötzen und Klopfturm, und hämmerte kichernd auf das Gestell ein. Drei Wochen lang puzzelte, klopfte und spielte er Eisenbahn – bis Lindas Geduld langsam, aber sicher bröckelte.

„Hubert, das wirkt nicht gerade… ernsthaft“, sagte sie genervt.

„Von wegen! Ich habe in meinem ganzen Berufsleben nie so viel Freude an einer Tätigkeit gehabt! Und ich verdiene sogar Geld damit!“, konterte Hubert mit leuchtenden Augen.

Doch Linda störte sich weniger am Job selbst, als an dessen Auswirkungen auf den Alltag. Hubert war kaum wiederzuerkennen. Er wälzte sich am Boden, wenn sie mal keine Lust auf Zärtlichkeiten hatte. Er schrie nach Essen, wenn der Magen zwei Stunden nach dem Mittagessen wieder knurrte. Und allen Ernstes verlangte er, dass sie ihn mit einem Leiterwagen ins Fitnessstudio zog, was dann doch das Fass zum Überlaufen brachte.

„Hubert, ich gehe. Sag Bescheid, wenn du wieder erwachsen bist“, waren ihre letzten Worte, bevor die Haustür krachend ins Schloss fiel.

„Dann geh doch, du blöde Kuh!“, brüllte Hubert und widmete sich trotzig dem Aufbau einer Figur aus riesigen Plastiksteinen.

Zwei Wochen lang lebte er ausschließlich von Gummibärchen und Cola. Die Konsequenzen machten sich bald bemerkbar – körperlich wie geistig. In Woche drei griff er schließlich zum Hörer.

„Linda… ich glaube, ich gebe das mit der Selbstständigkeit auf“, murmelte er kleinlaut.

„Ruf wieder an, wenn du zumindest innerlich volljährig bist“, erwiderte Linda trocken.

Ein unvermeidlicher neuerlicher Wutanfall war die Folge. Er suchte dann aber doch eine Psychotherapeutin auf. Ihre Einschätzung war überraschend gelassen:

„Ihr Verhalten ist nicht ungewöhnlich. Männer erreichen selten die volle Reife – ihr Lebenssinn besteht oft darin, zur Kleinkindstufe zurückzukehren“, erklärte sie mit einem Lächeln.

Das traf Hubert ins Mark.

„Ha! Das ist doch ein Witz, oder?!“ schrie er beinahe – aber diesmal ließ er es dabei nicht bewenden.

Wenige Wochen später trat er eine Stelle als Sales Manager für Osteuropa bei einem großen Konzern an – seriös, effizient, altersgerecht. Einen Monat danach stand er mit Blumen und einer Flasche Wein vor Lindas Tür. Sie bat ihn höflich herein – und es wunderte ihn kein bisschen, als er erfuhr, dass die Therapeutin ihre beste Freundin war. Die Jagd nach dem verlorenen Kindheitsgefühl gab Hubert zähneknirschend auf.

Linda ihrerseits versuchte nun, mittels zweier Botox-Behandlungen ihre eigene Jugend zurückzuerobern, was Hubert aber als angebracht erachtete. 

Harald, 08. August 2025.

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