Der Hirsch tritt aus dem Wald auf die Straße, entdeckt das dreieckige Verkehrsschild und beginnt es nachdenklich zu mustern.
Er spinnt mehrere, sehr merkwürdige Gedanken zur selben Zeit.
Der Hirsch erkennt, dass in dem weißen Dreieck ein springendes Tier abgebildet ist, dass dieses Tier von der selben Art ist wie er selbst und dass es eine andere Farbe besitzt als er selbst.
Schwarz, denkt der Hirsch, das Tier auf dem Verkehrsschild ist Schwarz, und es ist ein Hirsch wie ich, und Schwarz ist eine Farbe, soviel steht fest, und die Farbe, die mein Fell trägt, unterscheidet sich von diesem Schwarz, mein Fell ist braun, das ist klar, und ich weiß nicht, warum der Hirsch auf dem Schild schwarz ist, und warum überhaupt ein Hirsch auf einem Verkehrsschild abgebildet ist, und wozu ein solches Schild überhaupt dient.
Dem Hirschen raucht der Kopf, was sehr verständlich ist, weil zum ersten Mal Prozesse sich ereignen, Denkprozesse, die es in einer solchen Länge und Intensität noch nie zuvor unter den Hirschen gegeben hat.
Bin ich jetzt auf einmal etwas Besonderes, denkt der Hirsch. Ich bin in keiner Weise darauf vorbereitet. Was ich gesehen habe, überfordert mich. Mir muss jemand beistehen, denkt der Hirsch. Wem kann ich mich am ehesten anvertrauen, ja, natürlich meiner Frau, der Hirschkuh.
Er röhrt in einer ganz bestimmten Tonlage in den Wald hinein, woraufhin wenige Augenblicke später die Hirschkuh aus der Deckung auf die Straße trippelt und sieht, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, weil aus den Enden seines Geweihs Rauch austritt.
Dir raucht der Kopf, sagt die Hirschkuh, ich bin zutiefst besorgt. Was ist geschehen?
Sieh dir doch bitte dieses Schild an, antwortet der Hirsch und sag mir dann bitte, was du davon hältst.
Die Hirschkuh mustert das Schild eindringlich. Das ist einer von uns, sagt sie dann. Klar ist, dass es sich um einen Mann handelt, weil er ein Geweih trägt. Aber irgendetwas stimmt nicht, ruft die Hirschkuh, die Farbe ist es, der Hirsch, der auf dem ominösen Schild hier abgebildet ist, ist schwarz. Wir Hirsche hier sind in natura aber alle braun. Und wozu muss überhaupt einer von uns auf einem Schild abgebildet sein?
Du hast eben das Wort ominös benutzt, erwidert der Hirsch, ein Wort, das mir überhaupt nicht geläufig ist. Das unterstreicht den Ernst der Lage. Was sollen wir bloß tun?
Ich könnte meine Schwester fragen, schlägt die Hirschkuh vor.
Der Hirsch nickt. Das ist eine gute Idee. Sie soll zur Sicherheit gleich ihren Mann mitbringen. Dein Kopf raucht nämlich auch bereits.
Die Hirschkuh knört in den Wald hinein.
Wenig später wagen sich ihre Schwester und ihr Mann, ein weiterer Hirsch auf die Fahrbahn und lassen sich das Schild zeigen und beteiligen sich daraufhin rege an der Diskussion über die Bedeutung des Verkehrsschildes und des auf ihm abgebildeten schwarzen Wildes.
Weil auch das neu dazugekommene Hirschpaar die offenen Fragen nicht zufriedenstellend beantworten kann, röhren und knören die Tiere wiederum in den Wald hinein, um weitere Artgenossen herbeizulocken, die bei der Lösung der anstehenden Rätsel behilflich sein sollen.
Schließlich wird das Schild von einem stattlichen Rudel an Hirschen umringt, die angeregt und leidenschaftlich miteinander diskutieren, aber letztendlich nicht für sich klären können, warum der abgebildete Hirsch schwarz ist und wozu das Verkehrsschild in ihrem Wald am Straßenrand steht.
In sicherer Entfernung einige Meter weiter oben im Wald sitzen zwei Jäger, nennen wir sie Otto und Risotto, auf einem Hochstand und beobachten mit Hilfe ihrer Feldstecher das Geschehen unten auf der Straße.
„Ich hatte recht mit dem Schild“, sagt Risotto zu seinem Kollegen. „Sowas von recht!“
„Zweifellos!“, bestätigt Otto. „Sieh nur, wie ihre Köpfe rauchen!“
„Und morgen“, grinst Risotto, „ersetzen wir das Schild durch eines, das einen lila Hirschen zeigt, und dann, mein Lieber, schießen wir!“
Michael, 8. August 2025