Kowalski beanspruchte in der leeren Bar drei Plätze an der Theke, stellte auf den Hockern zu seiner Linken und zu seiner Rechten zwei unterschiedliche Behältnisse ab und wuchtete seinen mächtigen Hintern auf den mittleren Sitz.
„Moment“, protestierte der Barkeeper. „Drei Hocker? So geht das nicht! Wie viele bist du denn?“
„Ich bin einer mit zwei speziellen Begleitern“, sagte Kowalski, „die Durst haben wie ich. Wirst sehen!“
„Das ist heute nicht mein Tag“, murmelte der Barkeeper. „Erst fährt mir gleich nach dem Frühstück einer mit seinem Jeep über den Fuß, dann ruft ein anderer an, nennt sich Investor und kauft anonym meine Bar und jetzt tauchst du hier auf mit deinem dicken Hintern und krallst dir drei Sitze.“
Kowalski zuckte die Schultern, zog an der Reisetasche zu seiner Linken den Reißverschluss auf, förderte ein Kaninchen zutage und setzte es auf den Tresen.
„Das hier ist eine Bar, mein Freund“, erwiderte der Barkeeper, „kein Hasenstall.“
„Ich weiß“, sagte Kowalski knapp, „deswegen sind wir hier. Für mich einen Martini und für meinen pelzigen Freund einen Tequila. Er heißt übrigens Leopold.“
„Du willst mir doch nicht im Ernst weismachen“, rief der Barkeeper entgeistert, „dass dein Hase Tequila säuft?“
„Leopold ist ein Kaninchen“, erklärte Kowalski ruhig, „und er braucht jetzt schnell einen Tequila, sonst wird er unleidlich und tut womöglich etwas, was dir gar nicht gefällt.“
„Und das wäre?“, fragte der Barkeeper und stellte den Martini vor Kowalski ab.
„Er markiert deinen Tresen“, sagte Kowalski. „Der Geruch ist sehr intensiv. Stinkt tagelang.“
Der Barkeeper goss ungläubig einen Tequila ein und stellte ihn verächtlich vor das Kaninchen, das sich nicht bewegte.
„Und nun? Ich wusste, dass du bluffst und mich zum Narren hältst!“
„Leopold hat keine Hände“, sagte Kowalski geduldig. „Du musst ihm den Schnaps einflößen.“
Der Barkeeper nahm das Glas, neigte es und hielt es dem Kaninchen an die Nase. Das Tier rührte sich immer noch nicht.
„Ich bin im falschen Film“, seufzte der Barkeeper. „Ich mach heute lieber früher Schluss und leg mich schlafen.“
„Du musst dich Leopold vorstellen und ihm deinen Namen sagen“, sagte Kowalski, „damit er Vertrauen zu dir fasst. Er trinkt nichts von Fremden.“
„Laszlo“, flüsterte der Barkeeper den Tränen nahe, „ich heiße Laszlo, und habe hier einen feinen Tequila für den Hasen.“
Das Kaninchen Leopold erwachte urplötzlich aus seiner Starre, fing an zu mümmeln und leerte binnen Sekunden das Schnapsglas.
„Siehst du?“, sagte Kowalski. „Geht doch. Gib ihm gleich noch einen! Dein Martini schmeckt übrigens vorzüglich.“
Während Laszlo für das Kaninchen einen weiteren Tequila einschenkte, machte Kowalski sich an dem Behältnis zu einer Rechten zu schaffen und zog einen Blumentopf hervor, den er ebenfalls auf dem Tresen abstellte. In dem Blumentopf wuchs eine Grünpflanze.
„Was ist das denn für eine Staude?“, fragte der Barkeeper. „Braucht sie etwa auch etwas zu trinken? Fingerhut voll Leitungswasser vielleicht?“
„Das ist Karlotta, meine Mohrrübe“, sagte Kowalski. „Dass sie durstig ist, stimmt. Sie braucht aber kein Wasser, sondern einen großen Sliwowitz.“
Laszlo kämpfte wieder mit den Tränen. Er schenkte tapfer Sliwowitz ein, beugte sich über die Pflanze und flüsterte: „Ich heiße Laszlo und ich habe hier einen feinen Schnaps für die Möhre.“
„Karlotta musst du dich nicht vorstellen“, sagte Kowalski trocken. „Sie kann dich nicht hören, weil sie keine Ohren hat.“
„Und wie trinkt sie dann?“
„Wie trinken Pflanzen, hm?“, fragte Kowalski. „Einfach drüberschütten. Ex und hopp!“
Der Barkeeper kippte den Sliwowitz über die Mohrrübe, die sich schon wenige Sekunden später sichtbar straffte und etwa einen Zentimeter in die Höhe wuchs.
„Du bist extrem lernfähig“, sagte Kowalski, „einer der einfühlsamsten Barkeeper, die ich kenne. Ich nehme gleich noch einen Martini.“
Das Kaninchen Leopold zeigte durch intensives Mümmeln an, dass es eines weiteren Tequilas bedurfte.
„Ich muss mal für kleine Buben“, sagte Kowalski plötzlich, „und ich bitte dich, dass du währenddessen darauf achtest, dass Leopold und Karlotta einander nicht zu nahe kommen. Sonst gibt es ein Unglück, verstehst du?“
„Klar“, sagte der Barkeeper, „Kaninchen und Mohrrübe, diese Problematik ist bekannt. Toilette ist hinten links.“
Nachdem Kowalski sein Wasser abgeschlagen hatte und an den Tresen zurückgekehrt war, sah er sofort, dass ein riesiges Unglück geschehen war.
„Hättest du nicht besser aufpassen können“, schrie er den Barkeeper an. „Es war doch sonnenklar, dass Leopold an die Mohrrübe geht, sobald sich eine Gelegenheit ergibt.“
„Ich habe mich bloß für ein paar Augenblicke umgedreht, um einen Drink zu mixen“, sagte Laszlo. „Dein Leopold ist einfach auf deine Staude gesprungen, um sich an ihr gütlich zu tun! Und sie hat sich gewehrt und ihn mit ihren kräftigen Stängeln glatt erwürgt. Ich schulde dir also ein Kaninchen!“
„Du schuldest mir vor allem eine Bar“, erwiderte Kowalski und legte ein dickes Bündel Geldscheine auf den Tresen. „Ich bin der anonyme Investor, der sie gekauft hat.“
Michael, 6. September 2026