Im Kloster

Der Kühlschrank war voll. Er wollte sich eine Auszeit nehmen. Zu viel von allem, zu viel von der Einen. Er kam abends an. Die Brüder schliefen noch nicht. Er setzte sich zu ihnen, sie aßen und beteten. Der Moment war befreiend. Sie zeigten ihm sämtliche Räumlichkeiten. Alte Gemäuer, die Geschichte konnte er spüren. Hatte er schon zur Geschichte beigetragen? Könnte er die Geschichte prägen? Nicht nur für die nächste Stunde, für einen Monat, für ein Jahr, für ein Jahrzehnt? Nein, er musste ein Jahrhundert prägen, Bescheidenheit natürlich eine Zier. Sie tranken später miteinander und sprachen über Großartiges, Momente, die prägen, Magisches. Auch schien der Biervorrat nicht zu Ende zu gehen. Was mit dem Brot und den Fischen vor 2000 Jahren funktioniert hat, schien mit dem Bier ebenso zu klappen. Auch wenn nicht Bier für 5.000 Menschen vorhanden war, es reichte für die kleine, versammelte Schar allemal. Er zählte gerade die leeren Bierflaschen, als es ihm plötzlich klar wurde. Sein Körper kribbelte vor Aufregung, so wie er es lange nicht mehr gespürt hatte. Endlich den Lebensinn gefunden, die Fragen beantwortet, zugeflogen, nicht einmal gerade auf der Suche. Die Welt wird er mit einem Blog verändern, Biergeschichten werden für Reichtum und den Weltfrieden sorgen. Er tippte wie ein Besessener in die Tastatur und war sich seiner Sache sicher. Einen guten Freund konnte er zwei Wochen später beim vierten oder fünften Bier ebenfalls von der Idee und deren Tragweite überzeugen. Eineinhalb Monate später hatten sie bereits eine Followerin, die im Übrigen dieses Jahrhundert prägen wird: Unsere Verlegerin, die erst nach neun (!) Bier von der Genialität der Idee eine leise Ahnung bekam.

Harald, 17. November 2018

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