Farbenlehre

Irene Hopfer, die sich mit ihrer Truppe beim Vorglühen verkracht hatte, zog am Samstagabend allein weiter um die Häuser. Sie fiel in eine neue Bar, die „Law and Order“ hieß. Bis vor kurzem hatte sich an der selben Stelle das „Laissez-faire“ befunden, das am Ende nicht mehr gut gegangen war. Das neue Lokal war bis zum letzten Platz gefüllt. Irene fand gerade noch einen freien Hocker am Tresen, neben einem jungen Mann mit zurückgekämmtem Haar, der bemerkenswerte Ohren hatte und der ihr bekannt vorkam. Irene fragte, ob sie sich kurz zu ihm setzen dürfe. Er nickte und sagte, dass er noch kurz mit Jean-Claude telefonieren müsse. Danach hätte er Zeit und würde sich gern mit ihr unterhalten. Irene nahm Platz und bestellte schon einmal zwei Bier. Von dem, was der junge Mann mit Jean-Claude zu bereden hatte, verstand sie kein Wort. Irgendwann legte er auf und Irene und er prosteten einander zu und nahmen jeweils einen kräftigen Schuck von dem Weihnachtsbock, den Irene geordert hatte. Das Handy des jungen Mannes läutete abermals. Er sah auf das Display und sagte zu Irene, dass es Donald sei, mit dem er auch noch kurz sprechen müsse. Nach diesem Gespräch, von dem Irene wieder nichts verstand, hatten sie endlich Zeit, um ihr jeweils erstes Bier zu leeren. Irene bestellte gleich Nachschub. Ihr Gegenüber zeigte schnell Anzeichen einer Veränderung. Was das für ein herrliches Bier sei, fragte er Irene mit erstaunlich rasch schwerer werdender Zunge, es sei viel süffiger als das, das er sonst vorgesetzt bekäme. Wie denn das Bier heiße, das er normalerweise trinke, erkundigte sich Irene. Er wisse es nicht genau, sagte der junge Mann schon ein wenig lallend, Clausberger oder Clausbacher oder so ähnlich. Sonst bestelle nämlich immer sein Mundschenk für ihn, der ihm heute aber schon 12 Stunden freiwillig gedient hätte und jetzt außer Dienst sei. Irene hörte ihm interessiert zu. Beim dem dritten Weihnachtsbock fragte der junge Mann sie plötzlich, welche Farbe ihre Unterwäsche hätte. Früher hätte er nämlich schwarz bevorzugt, sagte er, neuerdings fahre er aber voll auf türkise Unterhosen ab. Irene erwiderte, dass ihre Unterwäsche heute dunkelblau sei. Dann ging alles rasend schnell. Auch sehr frivol, brachte der junge Mann mit glasigem Blick gerade noch stammelnd hervor. Sein Hocker geriet ins Kippeln wie der Mast eines Schiffes in stümischer See. Der junge Mann fiel der Länge nach hin und kam mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppichboden zu liegen. Als Irene sich kurz zu ihm hinunterbeugte, um nach ihm zu sehen, bemerkte sie das faustdicke Grün hinter seinen Ohren.

Michael, 8. Dezember 2018

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