Die Bierdiebin

Früher hat sie sich gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Peter H., der im Übrigen mittlerweile erfolgreicher Schriftsteller ist, in fremden Gärten herumgetrieben, um Obst zu stehlen. Heute macht sie sich einmal im Monat, immer um den Ersten, wieder nächtens auf den Weg, trotz Frost. Frei, unbändigen Drang verspürend, lebendig. So schlendert sie an Innenstadt-Lokalen vorbei, meist Beiseln. Erblickt sie an der Bar ein Bier, so ist sie auch schon drinnen und trinkt schnell. Wird sie erwischt, so verteilt sie auch einmal einen Kuss und in Einzelfällen darf mal eine Hand in ihrem Slip verschwinden, nur bei schönen Gesellen. Die Schönsten begleitet sie sogar nach Hause, um danach eine Flasche Bier mitgehen zu lassen. Heute kann sie ihre beachtliche Sammlung mit einer seltenen irischen Bierflasche aufbessern. Merklich betrunken kommt sie im Morgengrauen nach Hause. Leise schlüpft sie unter die Bettdecke, um Mann und die fünfjährige Tochter nicht zu wecken. Für den Rest des Monats lebt sie dann ein ganz bürgerliches, eskapadenfreies Leben, auch glücklich. Mittlerweile hat sie sich als Bierdiebin einen berüchtigten Namen gemacht, begehrt und gefürchtet zugleich. Die ganze Stadt hat nächtlich kaum ein anderes Thema mehr. Die Nacht, die Zeit für Wildes, Unberechenbares, für Diebstahl, viel aufregender als der Tag. So mancher Wirt hat sogar nun eine Aufschrift an der Eingangstür angebracht: „Lassen Sie Ihr Bier ruhig am Tresen stehen, bei uns wird nicht gestohlen.“ Und wenn? Dann wohl nur Geschichten.

Harald, 26. Jänner 2019

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