Butterbier

Der Amateurmagier Harald Töpfer, der im Hauptberuf Hagel- und Blitzschlag­versicherungen verkaufte, trat in seiner Freizeit in Altersheimen auf und bezau­berte wohlhabende Witwen mit seinen Illusionskünsten. Im Anschluss an seine Auftritte erleichterte er seine Zuseherinnen um ihr Erspartes, indem er ihre Zim­mer durchwühlte. Weil er nur ein mittelmäßiger Zauberer war, half er gern ein wenig nach, indem er die alten Damen im Rahmen seiner Vorführungen mit selbstgebrautem Butterbier abfüllte, das sie benommen und wehrlos machte, sodass ihm genug Zeit blieb, um in den Räumen nach Barem und nach Sparbü­chern zu suchen. Das geheime Rezept für das Butterbier hatte er dem Tourismus­verband der Gemeinde Eberwarz abgeschwatzt, auf deren Gebiet die berühmte Zauberschule lag. Als Gegenleistung hatte Töpfer dem Ort bei der Hagelversiche­rung einen großzügigen Rabatt gewährt. In letzter Zeit war es mit den Diebstäh­len mehr schlecht als recht gelaufen. Nicht nur, dass er das Gefühl hatte, dass die alten Damen allmählich immer aufmerksamer, vitaler und trinkfester wur­den, sie hatten auch unter ihren Kopfkissen immer seltener Bargeld und Spar­bücher versteckt, sondern komplexe Beteiligungen an Hedgefonds und Zer­tifi­kate für Kryptowährungen. Weil Töpfer mehr Zeit benötigte, um noch in den Zimmern bei den Veranlagungen die Spreu vom Weizen zu trennen, ging er dazu über, den alten Frauen K.-o.-Tropfen ins Butterbier zu mischen. Als er irgend­wann einmal gerade im Begriff war, ein Witwenzimmer systematisch zu durch­suchen, fiel ihm auf, dass mitten auf dem Bett ein Ordner lag, der die Aufschrift „Schwieger­muttergeld“ trug. Töpfer schlug ihn auf, um nach Verwertbarem darin zu suchen. Er begann sich in die Papiere einzulesen. Schon nach wenigen Minuten wurde ihm schwindlig von der atem­beraubend langen und kompli­zier­ten Liste an Geldtransaktionen zwischen Num­mernkonten in Liechtenstein, auf Zypern und in der Karibik. Töpfer schwitzte und verlor wertvolle Zeit, da er nicht beurteilen konnte, ob er den Ordner stehlen sollte oder nicht. Es erübrigte sich ohnehin. Die Bewohnerin des Zimmers war un­bemerkt zurückgekehrt und hatte gleich zwei Polizisten mitgebracht. Sie stellte sich dem verdatterten Töpfer als Hermine Bauer vor. Er fragte sie, wie sie ihm auf die Schliche gekommen sei. Sie sagte ihm, dass sie Butterbier hasse und grund­sätzlich nichts anderes trinke als mit Wasser verdünnten Absinth. Die Polizisten legten Töpfer Handschellen an und führten ihn ab. An der Tür drehte er sich noch einmal zu Hermine Bauer um und fragte sie, ob der Ordner wertvoll sei. Unge­heuer wertvoll, antwortete Hermine Bauer lächelnd, all die Tipps für die Trans­aktionen, die darin be­schrieben seien, hätte sie vom Mann ihrer Tochter Fiona erhalten und der kenne sich wirklich aus. Die nächste Vorstellung als Magier gab Harald Töpfer im Zellentrakt einer Straf­anstalt auf einer kleinen Insel in der Nordsee vor lauter Wirtschaftskri­minellen, die all seine Tricks durch­schauten und ihn gnadenlos auspfiffen.

Michael, 2. Februar 2019

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