Semesterende

23, Studentin, es war 21.35 als sie das Lokal betrat. Das Lokal um 01.45 immer noch gut gefüllt, auch er noch hier. Sein Zechkumpan hatte für jegliches Problem die passende Lösung. Ob Flüchtlingsfrage, amerikanische Präsidentschaft und ganz besonders die innenpolitischen Angelegenheiten – sein linkes Ohr wurde seit fast einer Stunde einschlägig penetriert. Er wäre auch bereits vor einer Stunde heimgegangen, hätte nicht sein rechtes Auge eine junge Frau entdeckt, die er seitdem immer wieder anlächelte. Sie lächelte zurück und nach dem Konsum von zwei weiteren Weißbieren machte er sich auf dem Weg zu ihr, dicht gefolgt von seinem Zechkumpan. Sie hatte eine Freundin, die der Zechkumpan als neues Opfer auserkoren hatte und sofort ansprach. Einziger Unterschied zu vorher war, dass der Zechkumpan bei Frauen das rechte Ohr bevorzugte, was auch besser zu seinen Aussagen zu passen schien. Er selbst bestellte Natalie, was für ein schöner Name auch, sofort ein frisches Bier, das sie mit einem bezaubertem Lächeln entgegennahm. Das Wintersemester ist endlich vorüber, Zeit zu feiern. Seine Frage nach dem Studium beantwortete sie mit einem kurzen „Germanistik, 7. Semester“. Germanistik, klingt für ihn fast noch besser als Natalie, es war nun endgültig um ihn geschehen. Warum musste er sich immer nur so schnell verlieben, in Wörter, in Gesten, in Augen, in Frauen? Er, der Solide, Bürgerliche, gut Situierte. Der Bierkonsum machte die Sache ja nicht besser, nur schneller, beim Verlieben zumindest. Germanistik, hätte sie nicht Sportwissenschaften sagen können, nein Germanistik, nicht Gabriele, nein Natalie, nicht neunzig, nein dreiundzwanzig. Was sollte da auch ein Mann dagegen tun können? Ehrliche Antwort: Nichts! Ganz ehrliche Antwort: Alles! Das Bier war noch nicht ausgetrunken, küssten sie sich bereits das erste Mal. Ein Gefühl, besonders, das erste Mal, immer wieder abrufbar, egal wie alt. Sie dirigierte, er überließ ihr die Geschwindigkeit, gemeinsames Lachen, Trinken, Feiern, verschiedene Lebenswelten, erst kennengelernt, doch ganz nah, zumindest für diesen Moment. Romane, Theater, was für Themen um 02.30 Uhr, nichts Triviales, nichts Politisches, pures Leben, spürbares Gefühl, jetzt auch eng tanzend. Wieder Bier trinkend luden sie ihre Energien auf, gegenseitig wohl noch effizienter. Sie zogen sich an, später dann noch aus. Na und? Gelungene Nacht, vielleicht auch gelungenes Leben, erst am Schluss beurteilbar, aber von wem und warum? Kein Urteil, keine Beurteilung, Dankbarkeit, reine Dankbarkeit für Gefühle, für liebevolle Menschen, Dankbarkeit für das Gegenüber, Dankbarkeit gegenüber sich selbst. Schöne Erinnerungen, unabhängig von der Dauer, im Rückblick zählt nicht die Zeit, nein, der Augenblick wird reichen, Ewigkeit. Kurz wurden sie aus den Gedanken gerissen, eine klatschende Ohrfeige ihrer Freundin mitten ins Gesicht des Zechkumpans, der dann – bevor er das Lokal verließ – nur meinte, dass aufgrund der maskulinen Erscheinung wohl das linke Ohr besser gewesen wäre, nie zweifelnd an seinen Worten und Einstellungen. Hand in Hand verließen sie später das Lokal ohne Freundin, zu ihr, schöne Studentenwohnung – eigentlich Penthouse mit 120 m2 und Rundum-Balkon, Papa oder Sugar Daddy, war auch egal, Natalie und Germanistik reichte doch. 52, Universitätsprofessor, es war 10.50 als er die Wohnung nach einem langen Abschiedskuss verließ.

Harald, 09. Februar 2019

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