Die Brauhexe

Im Jahr 1549 versammelten sich einige Männer vor dem Braukessel. Mangels Reinheitsgebot und diversen Zusätzen war der Brauerfolg meist ein Zufallsprodukt. Gelang er nicht, so konnte das nur mit übernatürlichen Kräften erklärt werden. Diesmal im Februar 1549 zu späterer Stunde war das Ergebnis katastrophal. Es konnte nur ein übel stinkendes Getränk als Ergebnis gewonnen werden, dass geschmacklich eher an ein Ausscheidungsprodukt als ein Bier erinnerte. Die Brauhexe war also wieder aktiv. Diesmal würde sie dingfest gemacht werden und dann gnade ihr Gott. Eine alleinstehende, noch nicht lang hier lebende, rothaarige Frau mittleren Alters war die klare Verdächtige. Die Männer suchten sie – nachdem sie den Inhalt des Braukessels entsorgt hatten – sofort auf. Sie stritt alles ab und konnte es nicht fassen, welch dummes Gefasel die vor ihrer Türe stehenden Gestalten von sich gaben. Einem der Männer war klar, dass es keine Brauhexe geben konnte und so zwinkerte er ihr kurz mit den Augen zu. Die Frau genoss das Spiel, wenn sie auch um die Gefährlichkeit wusste. Sie sagte nun, dass sie keinesfalls eine Brauhexe sei, sondern gelernte Braumeisterin, die erste zu dieser Zeit und sie sollten gefälligst nicht zu später Stunde noch stören. Sie werde morgen allen beweisen, dass sie das beste Bier weit und breit brauen könne. Die Männer wollten der wirsch auftretenden Frau diese Chance nicht verwehren. Auf den Scheiterhaufen könnten sie sie auch noch eine Zeit später bringen. Nächsten Tag machte sich bereits am Morgen die rothaarige Frau zum Braukessel auf. Sie mixte ihre eigene Rezeptur und war mittags damit fertig. Den wieder versammelten Männern erklärte sie, sie sollten nach zwei Vollmondnächten das Bier verkosten, sie werden erstaunt über die Qualität des Bieres sein. So verstrich die Zeit im Land, düster und langsam.

Als der zweite Vollmond vorüber war, verkosteten die anwesenden Männer das Bier. Es schmeckte ausgezeichnet und bereits nach kurzer Zeit hatten sie das Gefühl, sie würden über das Land fliegen. Sie sprangen durch den Ort mit eigenartigen Handbewegungen, die wohl dem Flug dienen sollten. Ihre Frauen waren außer sich, die Nichtsnutze waren wohl schon am Vormittag völlig besoffen. Aber so besoffen hatten die Frauen ihre Männer auch noch nie gesehen. Sie schienen ihr Umfeld völlig zu vergessen und irrten wie von Sinnenumher ohne auch nur einmal ihre Hände ruhig zu lassen. Nach fünf Stunden war der Spuk vorüber und nun würde es der Brauhexe heimgezahlt werden. Ein Gerichtsverfahren brauchte es nic ht mehr, das Haus wurde umstellt und sofort in Brand gesetzt. Drinnen hörten sie noch etwas wie Stimmen, aber nur kurz und alles brannte nieder. Als sie in der Brauerei wieder ankamen und überlegten, was mit dem Bier zu geschehen hätte, fiel ihnen auf, dass einer der Ihren fehlte. Im ganzen Ort suchten sie nach ihm, nirgends war er zu finden. Nach einigen Stunden wurde ihnen klar, dass ihn die Brauhexe mitgenommen hatte. Die Stimmen im Haus beim Brand waren doch eindeutig männlich. Den einen oder anderen beschlich so etwas wie Schuld, hatten sie ihn nicht umgebracht. Hätten sie nicht doch im Haus nachsehen sollen? Jetzt war es zu spät und das Bierbrauen machte ihnen keine Freude mehr.

Eine rothaarige Frau befand sich schon auf den Weg Richtung Osten, wo der Hexenglaube schon überwunden war und die moderne Wissenschaft sich ihren Weg bahnte. Mitgenommen hatte sie tatsächlich einen Mann, der ihr vor zwei Monaten zuzwinkerte. Ihn hatte sie in die Braukunst und andere Künste eingeführt. Bilsenkraut war nicht tödlich, aber sorgte für etwas Erkenntnisgewinn im Dorf der Borniertheit. Heute feiern wir das Reinheitsgebot und der Erkenntnisgewinn scheint etwas auf der Strecke zu bleiben.

Harald, 23. Februar 2019.

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