Das Fastenbier.

Die Fastenzeit hatte vor einiger Zeit begonnen und hatte nun mehr erste Spuren hinterlassen. Das Hungergefühl wurde größer, dafür aber der Bauch nicht kleiner. So konnte es nicht mehr weitergehen. Das heutige Fastenbier versagte vollends. So machte er sich auf die Suche nach dem Original. Früher funktionierte es doch auch und voller Tatendrang ging er in den Keller der Brauerei und suchte in alten Aufzeichnungen. Der Staub sorgte für lautes Husten, er wuselte sich aber immer tiefer durch die Papierberge. Seine neue Lebensgefährtin schimpfte abends meist lautstark, wenn er das Designer-Wohnzimmer der Penthousewohnung mit modrigem Papier aus dem Keller füllte. Nach vier Tagen und kurz vor der endgültigen Trennung des noch nicht lange liierten Paares war es dann doch so weit. In Kurrentschrift fand er tatsächlich das gewünschte Dokument aus dem Jahr 1901. Albert B., der Gründer, hatte es eigenhändig aufgeschrieben. Im Prolog berichtete er von einer langen Versuchsreihe, die schließlich zum ultimativen Fastenbier führte. Das Rezept war vollständig vorhanden, leider fehlte der letzte Teil. Es war nur mehr das Wort „Warnung“ zu lesen. Ihm dämmerte es, dass es wohl einen Grund geben musste, warum es nicht mehr gebraut wurde. Egal, der Unternehmergeist kannte mal wieder keine Grenzen. Der bei ihm angestellte Braumeister machte sich schnell ans Werk, dank moderner Technik konnte er den Brauprozess entscheidend abkürzen und das Bier wurde noch in der Fastenzeit fertig. Bereits der erste Schluck ergab Klarheit. Das könne nur ein Verkaufshit werden. Kein Hungergefühl, dafür Kraft und Stärke, gar eine Erhöhung der Libido spürbar. Nach zwei Tagen wurde es im an der Brauerei angeschlossenem Lokal zum Verkauf angeboten. Während in der vergangenen Faschingszeit kaum mehr gefeiert wurde und auch die Nächte bis auf wenige Ausnahmen ruhig waren, nahm die Fastenzeit durch das neue Fastenbier eine skandalträchtige Entwicklung. Männer und Frauen bevölkerten das Lokal in großer Anzahl. Es wurde kaum mehr etwas anderes bestellt als Fastenbier. Vor vier Uhr in der Früh war nie Schluss. Wer mit wem heimging, war völlig unklar. Das bürgerliche Leben in Salzburg geriet fast außer Kontrolle. Das gekrönte Print-Leitmedium schrieb schon kampagnenartig gegen das neue Fastenbier. Ausgerechnet im Zeitalter des neu erwachten Konservatismus und Nationalismus wurde gemeinsam gefeiert, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion. Selbst reich und arm war in diesen Nächten nicht von Belang. Am Höhepunkt forderte die Volkszeitung das Zusperren des Lokals.

Er muss nun reagieren und macht sich bereits Freitag vormittag – trotz der wieder fordernden langen Nacht – auf den Weg zur Redaktion. Sein Gang ist aufrecht, die Reue nicht ganz zu erkennen. Er verhandelt intensiv eine Stunde lang, dann geht er doch zufrieden aus dem Gebäude. Auf dem Nachhauseweg besucht er noch einen Werbegrafiker. Ganz Salzburg erwartet nun laut Volkszeitung eine Entschuldigung. Ganz Salzburg? Nein, eher kleindenkende Redakteure, denen Demokratie immer schon nicht so wichtig wie Auflage war. Am Freitagabend erscheint die Abendausgabe der Salzburger Nachrichten. Als tip-on-card ganz vorne klebt eine Werbung für das neue Fastenbier unter dem Motto „sündig gut“. Große Werbeplakate zieren das Bierlokal und heute nacht wird wieder die Fastenzeit samt Fastenbier exzessiv zelebriert. Der fehlende Teil des Dokuments warnte im Übrigen die damalige Volkszeitung sich nicht länger dem neuen Fastenbier zu verschließen, da die damalige Auflage durch das Schlechtschreiben des Fastenbieres einen erheblichen Einbruch erlitt. Und auch heute kündigen wieder mehrere Tausend Abonnenten die gekrönte Volkszeitung.

Harald, 16. März 2019

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