Der Umsatzeinbruch

Die Umsätze gingen bereits seit zwei Jahren nicht mehr bergauf. Nein, im Gegenteil war der Rückgang sowohl beim klaren Hopfentaler als auch beim trüben Witchpils, das immer zu Vollmond gebraut wurde, beängstigend. Seit der Einführung des Alkomattests im Fahrzeug war nicht nur die Automobilbranche also betroffen. Die Managementsitzungen dauerten oft bis in die Nacht und der Marketingchef brachte viele Lösungsvorschläge. Meist scheiterten sie an der Finanzchefin, nicht weil sie zu teuer waren, sondern weil sie diskriminierend seien. Die seit mittlerweile 5 Jahren andauernde me too – Debatte zeigte unzweifelhaft ihre Wirkung. Der Brauereibesitzer war sehr angespannt. Wenn nicht bald etwas passieren würde, könnte er zusperren. Er brachte um 22.40 den Vorschlag die Jugend mehr anzusprechen und ihn als Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, wohlgemerkt mit einem umgewandelten Hit aus den 80er – Jahren, an dem auch seine Gattin, ein bekennender Fan des verstorbenen Sängers, mitgewirkt hatte:

Er war ein Brauer und lebte in der kleinen Stadt,
Es war in Salzburg, war Maxglan, wo er alles tat,
Er hatte Schulden, den Diablo fuhr er gegen die Wand,
Doch ihn liebten alle Mitarbeiter,
Und jeder schrie:
Come and Rock me, mein Gebieter.

Das war nun auch für den Marketingchef zuviel. „Besser gleich zusperren und das mit Anstand!“, mokierte er sich. „Ich habe noch eine neue Idee! Wir werden das Witchbier umbenennen und zwar in das ultimative Bitchbier.“, führte er weiter aus. Eine Preiserhöhung von 80 Cent führe zu einer Umlage, die ein Projekt mit Studentinnen finanzieren wird. Sobald der Alkomattester den Start des Fahrzeuges verhindere, stünde am Freitag- und Samstagabend eine Hotline der Brauerei zur Verfügung. Er habe sich bereits damit intensiv beschäftigt und könne garantieren, dass innerhalb von 12 Minuten im Umkreis von 15 km nach dem jeweiligen Anruf eine Studentin vor Ort ist, um den Alkomattester frei zu blasen. Die Finanzchefin kämpfte um 23.05 sichtlich mit dem Atem und wollte gerade loslegen, da fiel ihr der Marketingchef ins Wort. Auch müsse eine Kostenreduzierung in der Führungsebene gelingen und da träfe es sich doch gut, dass er früher auch Bilanzbuchhalter war. Der Brauereibesitzer wusste, dass der Marketingchef recht hatte und er stand nun mal mit dem Rücken zur Wand. Diesmal wurde die Entscheidung sehr schnell getroffen, da auch seine Gattin ihrer Meinung nach stattgefundene Annäherungsversuche  der Finanzchefin in Richtung ihres Gatten beobachtet hatte. Am nächsten Tag machte sich nun der Finanz- und Marketingchef ans Werk. Zwei Tage später stand die Werbekampagne. „Wir lassen Sie nicht allein. Wählen Sie 0662 66696669.“, wurde über ein Bild, das eine Blondine zeigte, die ihren Kopf gerade senkte, um sich um den Alkomattester zu kümmern, leider nicht ganz eindeutig, da das Gesicht des Fahrers nicht nur in Erwartung eines Fahrzeugstartes zu sein schien. Dass der Finanz- und Marketingchef in einer der ersten Interviews erwähnte, dass die Studentinnen mit ihrem Einkommen sehr glücklich seien und was nach dem Start des Fahrzeuges passiere nun nicht wirklich in der Verantwortung der Brauerei liege, schließlich seien alle volljährig, sorgte keineswegs für Beruhigung. Sein verschmitztes Lachen während des Interviews sorgte im Internet für weitere Aufmerksamkeit. Die Umsätze schnellten in Rekordtempo in die Höhe. Der Finanz- und Marketingchef beauftragte einen Steuerberater, da seine Kenntnisse im Finanzbereich doch etwas verschüttet waren. Selbst die Bewerbungen der Studentinnen rissen nicht ab. Gerüchten zufolge kaufte sich eine besonders Engagierte nach eineinhalb Jahren eine luxuriöse Eigentumswohnung. Die jetzt wieder hocherfolgreiche Brauerei stellte im Übrigen das Service nach zwei Jahren gleichzeitig mit dem Ende der me too- Bewegung offiziell ein. Inoffiziell scheint nach eingehenden Recherchen die Nummer immer noch zu funktionieren. „Come and rock me…“

Harald, 06. April 2019

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