Frauenkauf

Der Bierseppel und der Weinkasperl waren zwei Blitzer, die seit Kindergartentagen eine unverbrüchliche Freundschaft zueinander pflegten. Sie hatten sich beide Zeit ihres Lebens stark für das andere Geschlecht interessiert, waren aber, wie sie selbst es ausdrückten, zu ihrem Kummer noch nie zum Stich gekommen, obwohl sie beide die Vierzig längst überschritten hatten. Sie hatten stets gemeinsam nach Frauen gejagt, dabei aber immer untaugliche Methoden angewandt. Weil sie im Grunde genommen zwei verklemmte Möchtegernmachos waren, war ihnen lange Zeit nichts anderes eingefallen, als in selbstgenähten Bisamrattenfellmänteln in der Dämmerung durch die umliegenden Wälder zu streifen und dabei Frauen aufzulauern, hauptsächlich Joggerinnen. Da ihre vermeintlichen Opfer aber gut trainiert waren, liefen sie dem Bierseppel und dem Weinkasperl jedesmal locker davon, bevor etwas Böses geschah. Nur einmal hatten die beiden auf einer Wald­lichtung eine weibliche Gestalt entdeckt, die sich gerade zum Boden bückte, um ein paar herrliche Birkenröhrlinge abzuschneiden, die dort aus dem Moos spros­sen. Von hinten sprangen der Bierseppel und der Weinkasperl die Gestalt an und warfen sie nieder. Die Frau setzte sich aber erfolgreich zur Wehr und verpasste den beiden Übeltätern mit ihrem Taschenmesser blutige Schnitte in ihre Hand­rücken, sodass sie von ihr ablassen mussten. Erst danach bemerkten der Biersep­pel und der Weinkasperl, dass es die greise Mutter des Bierseppels war, die sie da überfallen hatten. Trotz einer halbherzigen Entschuldigung, die sie stammelten, sprach sie danach kein Wort mehr mit ihnen.

Nach diesem Misserfolg mieden der Bierseppel und der Weinkasperl erst einmal die Wälder und versuchten ihr Glück in der nahegelegenen Zuckergoscherl-Bar, in der sie reichlich dem Alkohol zusprachen, der Bierseppel, der keinen Wein moch­te, dem Bier, und der Weinkasperl, der sich nichts aus Bier machte, eben dem Wein. So waren sie auch zu ihren Namen gekommen, und obwohl sie sich in der Folge­zeit zu veritablen Schluckspechten mauserten, vernachlässigten sie parallel dazu keineswegs die Jagd nach dem schönen Geschlecht. Sie versuchten es mit K.O.-Tropfen, die sie ihren weiblichen Opfern in die Getränke mischten, auf die sie sie einluden. Sie verwechselten aber regelmäßig die Gläser und setzten sich dadurch selbst außer Gefecht, was aber zu ihrem Bedauern nie dazu führte, dass eine der Frauen die Wehrlosigkeit des Bierseppels und des Weinkasperls zum Vollzug irgend­welcher sexueller Handlungen an ihnen ausnutzte.

Eines Tages, als sie schon langsam damit anfingen, sich mit einem Leben in ewi­ger Enthaltsamkeit anzufreunden, kam der Bierseppel aufgeregt zum Weinkasperl gelaufen.
„Weinkasperl!“, rief er. „Es gibt etwas Neues, das müssen wir ausprobieren!“
„Was denn?“, fragte der Weinkasperl nur mäßig interessiert.
„Man kann sich bei Emerson jetzt echte Frauen bestellen!“
„Ja? Wie? Echte Frauen?“
„Na online!“, schwärmte der Bierseppel. „Man bestellt eine Frau, die wird einem per Paket ins Haus geliefert. Kann man dann heiraten, muss man aber nicht.“
Erst jetzt begriff der Weinkasperl, was das für sie bedeutete, falls es wirklich stimm­te. Sie würden nie mehr auf die Jagd gehen müssen, nie mehr in zerschlissenen Rattenfellmänteln durch die Wälder streifen oder Frauen K.O.-Tropfen in die Ge­tränke träufeln müssen.
Der Weinkasperl schaltete seinen Computer ein. Sie riefen die Seite von Emerson auf und tatsächlich, es gab jetzt oben in der Kopfleiste ein neues Icon Frauen, das der Weinkasperl sofort anklickte.
Es entpuppte sich als noch viel besser, als sie es sich ausgemalt hatten. Sie wur­den zu einem Konfigurator weitergeleitet, in den man Merkmale für die jeweilige Wunschfrau eingeben konnte.
Der Weinkasperl stellte sich eine Thai zusammen mit Standardhaarfarbe Schwarz, bernsteinfarbenen Augen, schmalen Lippen, großer Oberweite, breitem Becken und zierlichen Füßen. 135 Angebote wurden gelistet. Der Weinkasperl, der insge­heim einen Hang zur Knauserigkeit hatte, entschied sich für die preislich güns­tigste Variante.
Beim Bierseppel spießte es sich ein wenig. Er bestand auf einer blonden Schwarz­afrikanerin mit türkisen Augen, Schmollmund, ausladender Oberweite und mit­telbreitem Becken. Die Füße waren ihm egal. Dennoch zeigte das Programm nach langer Wartezeit nur zwei in Frage kommende Frauen an, die noch dazu beide schon gebraucht waren. Der Bierseppel wählte nach reiflicher Überlegung das Angebot mit der noch vorhandenen Originalverpackung.
Um Versandkosten zu sparen, legten sie beide die Frauen, die sie sich ausgesucht hatten,  in den selben Warenkorb und bestellten dann verbindlich.

Weil sie sich testweise für den Premiumversand entschieden hatten, brachte die Postbotin das riesige Paket bereits am übernächsten Tag.
Voller Vorfreude schnitt der Weinkasperl den Karton im Beisein des Bierseppels mit einem Stanleymesser vorsichtig auf. Die Frauen hatten den Transport im Großen und Ganzen gut überstanden und waren unbeschädigt. Auf ihren Stirnen klebten Zettel mit der Aufschrift Please water before usage.
„Was heißt das?“, fragte der Bierseppel, der kein Englisch konnte, den Weinkasperl.
„Das bedeutet, dass wir sie vor Gebrauch wässern müssen.“
„Eine gute Idee“, nickte der Bierseppel, „wir müssen sowieso ausprobieren, ob sie überhaupt zu uns passen.“
Der Weinkasperl holte einen Doppelliter Grünen Veltliner und schenkte ein Viertel ein, das er seiner Thai hinhielt, die inzwischen aus dem Karton gestiegen war. Sie nahm es und stürzte die Flüssigkeit ungerührt in einem Zug hinunter, als ob es sich um Leitungswasser handelte.
„Reife Leistung“, lobte der Weinkasperl. „Ich glaub, die passt perfekt zu mir.“
„Jetzt meine“, sagte der Bierseppel und kredenzte seiner blonden Schwarzafrika­nerin ein großes Pils. Sie führte das Glas zum Mund, nahm einen Schluck und spuckte das herbe Bier angeekelt wieder aus. Die volle Biertulpe warf sie auf den Boden.
„Oh, je“, stöhnte der Bierseppel. „Meine passt überhaupt nicht. Das kommt wahr­scheinlich davon, dass sie schon gebraucht ist. Die muss ich leider zurückschi­cken.“
Er dirigierte die Frau zurück in den Karton.
„Wenn du deine nicht willst“, sagte der Weinkasperl, „dann schick ich meine auch zurück.“
„Das musst du nicht“, entgegnete der Bierseppel.
„Ich will aber.“
Der Weinkasperl schob seine Thai ebenfalls in den Karton zurück. Auf sein Hand­zeichen hin gingen die beiden Frauen in die Hocke. Er klappte die Deckel zu. Der Bierseppel besorgte ein braunes Paketklebeband, das er mehrfach um den Karton wickelte.
„Am besten ist es, wenn wir sie gleich zur die Post bringen“, sagte er.
Der Weinkasperl nickte. „Hoffentlich schaffen wir es noch. Es ist schon spät.“
Sie zogen sich ihre Bisamrattenfellmäntel an. Der Bierseppel hob den schweren Karton mit seiner Sackrodel an. Er schob die Rodel, während der Weinkasperl da­rauf achtete, dass die schwere Fracht nicht herunterfiel. Gemeinsam machten sie sich in der einsetzenden Abenddämmerung auf den Weg zur Post, die leider schon geschlossen war, als sie dort ankamen. Weil sie den Karton nicht mehr mit nach Hause nehmen wollten, stellten sie ihn kurzerhand vor der Tür ab und leg­ten eine Nachricht für den Postmitarbeiter dazu, damit er am nächsten Morgen gleich wusste, was zu tun war.
Auf dem Rückweg kamen sie an der Zuckergoscherl-Bar vorbei.
„Es ist alles wie gehabt“, seufzte der Bierseppel.
Der Weinkasperl nickte. „Gehen wir hinein.“
Weil drinnen keine einzige Frau war, die sie mit K.O.-Tropfen betäuben hätten können, tranken sie lediglich ein paar Biere beziehungsweise ein paar Viertel Wein. Als die enthemmende Wirkung des Alkohols einsetzte, machten sie sich auf den Weg in den Wald.

Kurz vor Mitternacht erhielt die alte Bierseppelin, die sonst um diese Uhrzeit nie telefonierte, einen Anruf. Sie zögerte kurz, ehe sie aus Neugier doch den Hörer abnahm.
„Ja?“, sagte sie. „Wer ist da?“
„Mutter?“, rief der Bierseppel am anderen Ende der Leitung in sein Handy. „Du musst uns helfen!“
Die alte Bierseppelin schwieg.
„Bitte, Mutter!“ flehte der Bierseppel.
„Warum sollte ich?“, fragte die Mutter knapp.
„Wir sind bei der Frauenjagd erwischt worden und sitzen jetzt in einem Käfig im Tierheim“, sagte der Bierseppel. „Es waren die Hundefänger, die uns festgesetzt haben, weil sie uns in unseren Fellmänteln für räudige Köter halten.“
„Das seid ihr auch ohne eure Mäntel“, sagte die alte Bierseppelin und legte auf.

Noch vor dem Beginn der Geisterstunde überwies sie dem Direktor des Tier­heims, Pankraz Viehkotter, mit dem sie in den 70er Jahren kurz einmal etwas gehabt hatte, einen großzügigen Betrag für einen neuen, ausbruchssicheren Zwinger.

Michael, 25. Mai 2019

2 Kommentare zu „Frauenkauf

    1. Der Bierseppel und der Weinloisl in der Geschichte sind erfundene Gestalten, deren Namensgleichheit mit real existierenden Personen unbeabsichtigt und rein zufällig ist. Da wir aber vom „Weinloisl“ so nett gefragt wurden, ob man die beiden nicht umtaufen könnte, kommen wir der Anfrage insofern gern nach, als wir den „Weinloisl“ in „Weinkasperl“ umtaufen. Damit können die beiden Protagonisten in stimmiger Art und Weise weiterhin in der Geschichte für ihre Untaten ihre gerechte Strafe finden. Dem „Weinloisl“ wünschen wir an dieser Stelle viel Erfolg beim Verkauf seines besten Bio-Weins! (Vielleicht können wir ja eines Tages in den Genuss einer Kostprobe gelangen …)

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