Gastbeitrag: Wie es kam, dass Herr Ess beinahe die österreichische Bundesregierung vor dem Zerfall gerettet hätte

Herr Ess liebte die Sonne, die Wärme und das Licht der Mittelmeerinseln im Sommer. Er hatte schon viele von ihnen besucht – Korsika, Sardinien, Sizilien, auch die Herzensinsel von Kaiserin Sisi, Korfu oder die Kindheitsstätte von Göttervater Zeus, Kreta. In einer Zeit als Türkis Modefarbe war, zog es ihn aber auf die Partyinsel schlechthin, Ibiza. Natürlich nicht wegen der Partys am Strand, sondern ausschließlich wegen der landschaftlichen Schönheit im Landesinneren.
Da das Landesinnere außer landschaftlicher Schönheit nur wenig zu bieten hatte, hatte Herr Ess es sich zur Gewohnheit gemacht in eine Kühltasche außer Salamiweckerl auch einige Flaschen Bier zu packen. Herr Ess bevorzugte lokale Sorten. ‚Heineken kann ich in Holland trinken‘ dachte er.
Was ihn etwas störte war das Gewicht. Diese Craft Biere gab es nur in Flaschen, was erhöhtes Bruchrisiko bedeutete, sowohl für die Behältnisse als auch für den Rücken von Herrn Ess.
Da aber die schönsten Picknickplätze in Spanien meistens großzügige Parkplätze aufweisen war Herr Ess wieder frohen Mutes.
So fand er nach längerer Fahrt mit einem schon bessere Zeiten gesehen habenden Suzuki Geländewagen ein Plätzchen mit herrlicher Aussicht, das zum Verbleib und zum Verzehr der mitgebrachten Köstlichkeiten einlud. Herr Ess machte es sich gemütlich und kaute gerade an einem Salamiweckerl, als zwei leise tuschelnde Männer den Picknickplatz betraten. „Ohla“ grüßten sie, mit unüberhörbarem Akzent. „Mahlzeit“ antwortete Herr Ess, locker mit dem Weckerl winkend.
„Ah, ein Landsmann, Grüß Gott“ sagte der jüngere der beiden. „Ess, angenehm“ stellte sich Herr Ess vor.
„EssDeh“ meinte der ältere.
„Geh“
„Echt?“ Herr Ess. „Bierli? Ich hätte noch drei.“
„Ja, gern, danke. Zack, zack, zack Deckel ab, haha!“
„Salamiweckerl auch? Müssten Sie sich halt eines teilen“
„Na danke, die Salami da is immer so rot, ans mit Blauschimmelkäse ham’s ned zufällig?“
„Nein, leider. Der schmeckt nicht aus der Kühltasche.“
Kauend blickte Herr Ess in die Ferne, seine Picknickkameraden ließen sich das kalte Bier in die Kehle rinnen und plauderten ungeniert miteinander. „Die Nichte von dem Dingsbummsow dadat wirkliche die Krone kaufen?“ „Sicher, die andere auch gleich dazu“ „Kurier der Kaiserin, sozusagen“ „Der Wussow is aber scho tot.“ „Klingt aber russisch!“ und sie zerkugelten sich vor Lachen.
„‘tschuidigen’S“ wandte sich Herr Geh an Herrn Ess, „Sie hätten ned no zufällig zwa?“
„Nein, leider“ log Herr Ess nach einem kurzen Blick in die Kühltsche.
„Dann pack ma’s“ meinte Herr EssDe. „Scheenan Dog no!“
„Ebenso“ antwortete Herr Ess, vom zweiten Salamiweckerl abbeißend. Als der Wagen der Urlaubsbekanntschften den Picknickplatzparkplatz verlassen hatte angelte er noch ein Bier aus seiner Kühltsche. „Zack, Deckel ab, “ kicherte er vor sich hin. Fünf Minuten später fällte eine jähe Sturmböe eine der riesigen Pinien am Straßenrand und der Baum fiel quer über die Straße.
„Egal“ dachte Herr Ess, „ich fahr sowieso die andere Richtung. Aber die zwei Typen ham a Glück g’habt. Die wären heut nirgends mehr hingekommen, wenn’s no a Bier kriegt hätten, solche Sachen dauern im Süden gerne die halbe Nacht.“
So kam es, dass Herr Ess die österreichische Bundesregierung beinahe vor dem Zerfall gut zwei Jahre später, gerettet hätte.


Linz im Juni 2019
© 2019, Martin Siegel
Namen, Orte und Handlung sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder (politisch) bereits verstorbenen Personen ist zufällig und unbeabsichtigt.

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