Die Hölle des Löwen

Im Rahmen eines interkulturellen Crossovers durfte der Löwenzirkus Leopold einmalig bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule gastieren. Luser, der schon seit Kindertagen Muffensausen bekam, wenn er das Wort Kultur auch nur hörte, nahm das bewusst niederschwellig gehaltene Angebot gern an, das un­ter dem Titel In der Hölle des Löwen Schauderhaftes versprach. Die gesamte Spielstätte wurde von riesigen Scheinwerfern in ein feuerrotes Licht getaucht. Luser schlenderte schon vor Vorstellungsbeginn frohgemut durch die Reihe der in der Felsenreitschule aufgebauten Bierbuden, die das zu Ehren der Festspiel­präsidentin kreierte Lagerbier Helle Helga und für die weniger trinkfesten den ebenfalls neuen Rabl Radler ausschenkten. Luser, dem die sagenhaft süffige Hel­le Helga über alle Maßen schmeckte, stimmte sich durch ausgiebige Konsuma­tion derselben perfekt auf die bevorstehenden Zirkusattraktionen ein. Als schließ­lich das Signal ertönte, das den baldigen Vorstellungsbeginn ankündigte, ver­spürte Luser einen Druck auf seiner Blase, der so stark ausfiel, dass sich seine Be­seitigung unmöglich aufschieben ließ. Luser fackelte nicht lange, sondern fragte kurzerhand einen der Kellner in den Bierbuden nach der Personaltoilette. Der Mann wies auf einen Klowagen, der hinter seiner Bude direkt an den Arkaden platziert war. Während Luser das Treppchen hinaufstieg, machte er sich bereits an seinem Hosenstall zu schaffen, weil es schon mächtig pressierte. Als er die Tür aufgestoßen hatte, erschrak er so fürchterlich, dass er schreiend kehrtmachte, unverrichteter Dinge das Weite suchte und zu dem Kellner zurückrannte, der ihm den Tipp mit dem Klowagen gegeben hatte. Was denn los sei, fragte der Kellner den völlig aufgelösten Luser, der sich mit immer noch offenem Hosenstall an der Theke abstützte. Er hätte, keuchte Luser, in dem Wagen ein biergelbes tollwüti­ges Ungeheuer mit Schaum vor dem Maul gesehen, das direkt der Hölle ent­sprungen sein musste. Das, beruhigte ihn der Kellner, sei nur der Löwendarstel­ler Wilfried, der schon in sein Kostüm geschlüpft sei und sich vor seinem Auftritt noch gerne rasiere. Luser zog es dennoch vor, sich in einen Pflanzentrog an einer der künstlichen Akazien zu erleichtern, die der Serengeti nachempfunden waren.

Michael, 27. Juli 2019

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