Alt und verwegen – Die 100. Bierbloggeschichte

Alt. Verwegen. Gut. 99. Geschichten werden oft erst mit der Zeit besser, während das Bier schlechter wird. Ob die umgekehrte Situation nicht vorteilhafter wäre, sei dahingestellt. Diese Geschichte ist jedenfalls sehr alt und beginnt an einem sonnigen Samstag im Herbst in einer kleinen Stadt. Er war weg, seit über vier Wochen, einfach aus dem Fenster gestiegen, ohne etwas zu sagen oder eine Nachricht zu hinterlassen. Alles war vorbereitet, die große Geburtstagsfeier, 100 Jahre, immer noch fidel. Und jetzt das. In der großen Aula im zweiten Stock des Altersheims, das in einer feinen Wohngegend für Wohlhabende lag, fanden sich große Luftballone, goldene Girlanden, verschiedenste Fruchtsäfte, Hütchen in allen möglichen Farben. Auch ein schon in die Jahre gekommener DJ mit Schellackplatten von Edith Piaf, die immer noch nichts bereute, war eingeladen. Es war mittlerweile 16.00 Uhr und die Feier sollte in 30 Minuten beginnen. Noch immer wusste keiner, ob Wilhelm überhaupt erscheinen würde oder ob ihm gar etwas zugestoßen war. Um 16.15 Uhr stieg die Spannung ins schier Unerträgliche. Der DJ hatte das Grammophon aufgestellt und auf seine Funktionsfähigkeit überprüft. Es war mucksmäuschenstill. Die Frauen, die sich extra für Wilhelm geschminkt und die schönsten Kleider angelegt hatten, erwarteten ihn sehnsüchtig, schließlich gab es in ihrem Alter nicht mehr viele lebendige Männer, geschweige denn solche wie Wilhelm. Plötzlich hörten sie ein Klopfen am Fenster, sie trauten ihren Ohren und Augen nicht. Wilhelm stand auf einer 7 Meter hohen Leiter und grinste herein. Schnell öffneten sie das Fenster und Wilhelm reichte ihnen zu ihrer Überraschung eine Kiste Bier. Mit einem Satz schwang er sich über den Fenstersims und stand in voller Pracht vor ihnen. Braungebrannt erzählte er von einem Segeltörn, der ihn in die abgelegensten Gegenden Madagaskars geführt hatte. Dort hätte er einen Brauereiinhaber kennengelernt, der ihm drei Kisten „Three horses beer“ geschenkt hätte, nachdem er ihm von den schönsten Frauen Österreichs erzählt hätte. Er habe ihn übrigens zu seinem 101. Geburtstag eingeladen, damit er sich selbst davon überzeugen konnte. Die Frauen waren begeistert und überlegten bereits die Kleiderwahl für das nächste Jahr, schließlich wusste man ja nie, was alles passieren konnte. Die erste Partystunde erschöpfte die Anwesenden, sodass eine kurze Pause von dreizehn Minuten einlegen mussten. Dann legten sie wieder los. Nach einer halben Stunden klopfte zum ersten Mal die Polizei, die besorgte Nachbarn alarmiert hatten. Das junge Polizistenpaar konnte mit zwei Flaschen „Three horses“ leicht zum Rückzug überredet werden.

Bei „Je ne regrette rien“ schnitt der mit den Tränen kämpfende Wilhelm nach vier Partystunden unter dem tosenden Applaus der Damenschaft die Torte an. Älter. Verwegener. Besser. 100.

Harald und Michael, 6. August 2019

3 Kommentare zu „Alt und verwegen – Die 100. Bierbloggeschichte

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