Die Macht der Muscheln

Zum 100jährigen Jubiläum des Betriebskindergartens der St. Größenwahner Brauerei wurde auf dem Firmengelände ein großes Fest veranstaltet. Sogar der Bundespräsident, der zufällig auf Sommerfrische in der Nähe weilte, sagte sein Kommen zu. Im Rahmen des Festes gab es für die Kinder einen großen Malwett­bewerb, bei dem sie mit Bierschaum auf buntes Krepp das zu Papier bringen soll­ten, was ihre Phantasie gerade hergab. Die Kinder malten eifrig auf türkisem, ro­tem, dunkelblauem, grünem und pinkem Krepp und legten der Jury, die mit dem St. Größenwahner Gemeinderat deckungsgleich war, ihre Ergebnisse zur Begut­achtung vor. Die Jury zog sich zu Beratungen in eine Ecke des Festzelts zurück. Zur Stärkung seiner Kollegen hatte der Fischereireferent, der auch im Gemeinde­rat saß, eine Muschelsuppe zubereitet, die allerdings ein wenig zu viel Sonne abbekommen hatte und somit unmittelbar nach ihrem Verzehr durch die Jury­mitglieder den unangenehmen Effekt hervorrief, dass sie aus dem Festzelt stür­men und die in der Nähe aufgestellten mobilen Toiletten allesamt mit Be­schlag belegen mussten. Die Kinder, die, von ihren ehrgeizigen Eltern angesta­chelt, schon ungeduldig auf die Bekanntgabe der Sieger des Wettbewerbs war­teten, wandten sich schließlich an den Chef der Brauerei, Igor Promillow persön­lich, der gerade den Bundespräsidenten durch die Produktionshallen führte. Promil­low, der selbst ratlos war, kratzte sich ein wenig verlegen am Kinn. Der Bun­des­präsident, der die Probleme mitbekommen hatte, bot spontan seine Hilfe an. Er kürzte die Führung ab und steuerte zielsicher einen der Biertische im Festzelt an. Während die jungen und alten Festgäste ihn erwartungsvoll umringten, nahm der Präsident bedächtig einen Schluck vom vielgerühmten Größenwahner Hellen und ließ ihn lange in seinem Mund kreisen. Dann erhob er sich und setzte aus den Reihen der Landjugend und der Feuerwehr eine Ersatzjury ein, die aus sechs Männern und sechs Frauen bestand, die sofort ihre Arbeit aufnahmen. Weil der Bierschaum in der Zwischenzeit von den bunten Krepppapieren aber vollständig aufgesogen worden war und die Kunstwerke der Kinder allesamt verschwunden waren, schoben sich die Mitglieder der neuen Jury die vielen türkisen, roten, dunkelblauen, grünen und pinken Zettel stundenlang ratlos zu, ohne zu irgend­einem Ergebnis zu kommen. Die zuvor so ehrgeizigen Eltern wandten sich als­bald wieder dem Genuss des Größenwahner Hellen zu, lobten allerdings im Ge­spräch immer wieder die große Weisheit des Präsidenten. Die Kinder, die eben­falls das Interesse an dem Wettbewerb verloren hatten, hatten auch rasch eine andere Form der Zerstreuung gefunden. Sie bewarfen sich gegenseitig mit Bock­bierbomben, die auf ihren weißen T-Shirts die herrlichsten Muster hinterließen, was großes Vergnügen hervorrief und keiner Bewertung durch eine Jury bedurf­te. Schließlich ging das Fest friedlich und zur Zufriedenheit aller zu Ende. Auch der Präsident, der bis zum Schluß geblieben war, ließ sich einigermaßen illumi­niert in sein Urlaubsquartier zurückchauffieren.

Als am folgenden Abend ein Mitarbeiter des Wachdienstes einer Verleihfirma ganz in der Nähe seinen Kontrollgang absolvierte, hörte er plötzlich hinter sich Klopfgeräusche. Er drehte sich um und entdeckte etwa ein Dutzend auf dem Ge­lände abgestellte Toilettenhäuschen, aus denen Innerem die Geräusche offenbar herrührten. Er öffnete nacheinander die von außen verriegelten Kabinen und be­freite die Mitglieder des St. Größenwahner Gemeinderates, die ihre Gedärme nun endlich vollständig entleert hatten. Der Umstand, dass seit dem Vortag niemand sie vermisst hatte, stimmte sie allerdings einigermaßen betrübt. Als ihnen der Wachmann aber ein paar Kisten Größenwahner Helles überließ, die er zufällig in seiner Baracke gebunkert hatte, war ihr Kummer rasch verflogen.

Michael, 24. August 2019

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