Frazier

Bevor Frazier im Wohnhaus der Minengesellschaft das Appartment einen Stock über meinem beziehen durfte, musste er mich um Erlaubnis fragen. Frazier war Australier und hatte ein zahmes Känguru und einen Koala mitgebracht, die sein Ein und Alles waren und die er überallhin mitschleppte, wo er einen Job annahm. Bei der Feng-Shui-Minengesellschaft, für die wir in Neuguinea nach Gold schürf­ten, hatten sie grundsätzlich nichts gegen Haustiere, wenn die übrigen Bewohner in der betroffenen Wohnanlage zustimmten. Die anderen Appartments standen im Augenblick leer, so dass alles von mir abhing. „Hör zu, Frazier“, sagte ich, als wir uns vor der Tür meines Appartments trafen, „ich habe nichts gegen deine Tiere, solange sie zwischen 6 Uhr morgens und 2 Uhr nachmittags keinen Krach machen. Da schlafe ich nämlich, damit ich fit bin für die Nachmittagsschicht, in der ich arbeite.“ „Kein Problem“, sagte Frazier, „die beiden sind gut erzogen. Während ich in der Frühschicht in der Mine bin, halten sie ausgiebige Nicker­chen.“ „Das trifft sich gut“, erwiderte ich. „So wird es klappen. Und noch etwas, Frazier: Nach Feierabend kommen meistens Peter, Paul und Mary bei mir vorbei, mit denen ich gern einen hebe. Dabei kann es schon einmal ein wenig lauter zugehen. Nur damit du gleich Bescheid weißt.“ „Das macht mir überhaupt nichts aus“, sagte Frazier und streckte mir seine Rechte hin. „Ich habe einen gesegneten Schlaf.“ Ich schlug ein. „Eins noch, Frazier. Auf jeder Etage gibt es hier einen Gemeinschaftskühlschrank. In unserem im Erdgeschoss kühle ich mein Bier, das ich mit Peter, Paul und Mary trinke. Wenn ich eins nicht leiden kann, ist es, wenn einer ungefragt an mein Bier geht. Haben wir uns verstanden, Frazier?“ „Klar“, sagte Frazier, „ich mach mir ohnehin nichts mehr aus Bier. Ich bin seit 14 Monaten trocken.“ Damit war alles zwischen uns gesagt. Frazier zeigte mir noch seine beiden Tiere, ein dickes Känguru mit mächtigen Hinterläufen, das mir unheimlich war, und einen Koala, der dämlich grinste. Am Anfang lief alles ganz ausgezeichnet. Während Frazier in der Mine schuftete, schliefen seine beiden Haustiere oben in seinem Appartment, und während Peter, Paul, Mary und ich wie immer ein wenig feierten, schlief Frazier davon unbeeindruckt über uns den Schlaf des Gerechten. Eines Nachts aber, als Peter und Paul schon gegangen waren, blieb Mary noch ein wenig länger, und wir landeten, volltrunken wie wir waren, in meinem betagten Doppelbett, obwohl wir es nie und nimmer geplant hatten. Es war aber, wie ich zugeben muss, sehr schön und sehr wild, und auch Mary muss es gefallen haben, weil sie bis zum Morgengrauen blieb. Kurz vor 6, als ich bereits allein war, klopfte es an meiner Tür und ich öffnete, weil ich dachte, dass es Mary sei, die etwas vergessen hatte. Ich blickte in das wütende, verknitterte Gesicht Fraziers, der aussah, als ob er keine Minute Schlaf abbekommen hätte. „Spinnst du eigentlich?“, schrie er mich an. „Ich habe dir gesagt, dass ich einen gesegneten Schlaf habe. Aber dieses Geschrei und Gestöhne und das stundenlange Quietschen deines räudigen Bettgestells haben mir meinen ganzen verdammten Schlaf geraubt.“ „Sieh dich vor!“, schnaubte er und ballte seine Faust. „Das wird ein Nachspiel haben!“ Noch ehe ich etwas erwi­dern konnte, war er wieder verschwunden. Am folgenden Tag geschah erst ein­mal nichts und ich hoffte, dass Frazier nicht nachtragend sein würde und es wieder vergäße. Am darauffolgenden Tag, während der Frühschicht, in der ich mich hinlegte, um zu schlafen, fuhr ich plötzlich hoch, als über mir oberhalb der Zimmerdecke ein trommelndes Geräusch einsetzte. Ich wusste sofort, was es war. Die Hinterläufe von Fraziers dickem Känguru begannen mit nervtötender Regel­mäßigkeit auf den Boden zu schlagen. Frazier, dieser Mistkerl, der jetzt natürlich in der Mine war, hatte sein Känguru dazu gebracht, mir die Hölle heiß zu ma­chen. Ich versuchte es mit der klassischen Methode, die darin bestand, dass ich mit einem Besenstiel an die Decke klopfte. Mir war allerdings kein Erfolg be­schieden, im Gegenteil, jemand begann oben, metallene Gegenstände aneinan­derzuschlagen, die wie Tschinellen klangen. Offenbar hatte Frazier seinem dämlich grinsenden Koala beigebracht, wie man sie bediente. Ich rannte die Treppe hinauf und rüttelte an Fraziers Tür, die aber verschlossen war. Ich trat den Rückzug in mein Appartment an, legte mich wieder hin und zog mir ein Kis­sen über den Kopf. Ich hoffte, dass die beiden Haustiere bald den Spaß an ihrer Beschäftigung verlieren würden. Mein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Das Kän­guru trommelte mit seinen Hinterläufen und der Koala schlug die Tschinellen, als gäbe es kein Morgen. Völlig gerädert fuhr ich an diesem Tag zur Nachmittags­schicht in die Mine ein. An diesem Abend kam Mary allein, nachdem sie Peter und Paul unser amouröses Abenteuer gebeichtet hatte. Wir machten da weiter, wo wir beim letzten Mal geendet hatten. Der fehlende Schlaf forderte allerdings irgendwann seinen Tribut und ich konnte nicht mehr. Ich stand auf und begab mich zum Kühlschrank, um für Mary und mich Bier zu holen. Als ich mich an der Tür zu meinem Appartment kurz umdrehte, sah ich, wie das dicke Känguruh und der dämlich grinsende Koala gerade die Treppe hinauf huschten. Ich hatte das Gefühl, dass das Känguruh seit unserer ersten Begegnung noch dicker geworden war. Ich schlüpfte zurück zu Mary unter die Decke und mobilisierte meine letzten Reserven. Danach stand Mary auf, um uns zwei weitere Biere vom Kühlschrank zu holen. „Weißt du eigentlich“, fragte sie schläfrig, als sie zurück­kam, „dass es in diesem Haus ein Känguru und einen Koala gibt?“ „Ja, das weiß ich“, gab ich zurück. „Wo hast du die beiden gesehen?“ „Am Kühlschrank“, sagte Mary und setzte hinzu: „Dieses Känguru, es wirkt so unheimlich dick.“ Ich nickte. Wir tranken unser Bier und ich legte mich danach völlig erschöpft an Marys Rücken. Zu mehr war ich nicht mehr fähig. Später während der Frühschicht, in der Frazier in der Mine war und in der seine beiden Tiere allein oben im Appartment waren, blieb es diesmal erstaunlich ruhig. Weil mir die Sache mit Mary durch den Kopf ging, konnte ich trotz meiner Müdigkeit nicht besonders gut schlafen. Ich schlich noch einmal zum Kühlschrank, um mir ein Bier zu holen. Als ich ihn öffnete, hatte ich das Gefühl, dass meine Vorräte diesmal besonders schnell zur Neige gingen. Ich bestellte Nachschub, indem ich in die Getränkeliste an der Pinnwand meinen Namen schrieb. Als ich das nächste Mal nach der Nachmittagsschicht Feierabend hatte, kam Mary wieder in Begleitung von Peter und Paul. Zu viert tranken wir Bier wie immer. Als Mary und ich irgendwann im Lauf das Abends zu turteln begannen, wurde es Peter und Paul zuviel. Sie brachen auf, weil sie Mary und mir nicht im Weg sein wollten. Mary holte uns zwei weitere Bier und erwähnte bei ihrer Rückkehr vom Kühlschrank, dass sie auf der Treppe schon wieder das dicke Känguru und den Koala gesehen hätte. Im übrigen sei nur noch wenig Bier im Kühlschrank. Das machte mich stutzig, weil doch der Nachschub, den ich bestellt hatte, schon eingetroffen war. Ich hatte die Befürchtung, dass heimlich jemand an meinen Kühlschrank ging, den ich schon aufgefüllt hatte. Für Peter, Paul und Mary hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt, so dass eigentlich nur Frazier in Frage kam, den ich nicht mehr gesehen hatte, seit er sich bei mir beschwert hatte. Während der folgenden Frühschicht veranstalteten das Kanguru und der Koala im Appartment über mir wieder einmal ihren Radau, der mir den Schlaf raubte. Hundemüde schlich ich nach der nächsten Nachmittagsschicht von der Arbeit in der Mine nach Hause und quälte mich in den Stock über mir, um Frazier zur Rede zu stellen, der mir aber nicht öffnete. Als ich danach in den Kühlschrank sah, stellte ich fest, dass gerade noch zwei Bier für Mary und mich da waren, die ich gleich mitnahm. Ich bestellte notgedrungen Nachschub. Als ich mein Appartment aufschloss, bemerk­te ich, dass das Kanguru, das mir abermals dicker vorkam, und der Koala hinter mir vorbeihüpften. Nur wenige Augenblicke später kam Mary. „Eben sind mir an der Haustür das Känguru und der Koala begegnet“, sagte sie. „Das Känguru ist noch dicker geworden. Ich vermute, dass es schwanger ist.“ „Das ist mit eigent­lich egal“, entgegnete ich, „Ich wüsste viel lieber, wer mir mein Bier klaut.“ Eine Zeit lang rächte ich mich noch für den Radau der Tiere an Frazier, indem ich ge­meinsam mit Mary im Doppelbett die angenehmsten Turnübungen vollführte. Kurze Zeit später schlief ich aber erschöpft ein und erwachte erst, als Mary be­reits gegangen war. Ich beschloss, mich auf die Lauer zu legen, um Frazier an meinem Kühlschrank zu ertappen, wie er mir mein Bier klaute. Lange lag ich hin­ter dem Blumentrog mit den Gummibäumen, der neben dem Kühlschrank stand. Nichts regte sich. Als mich schließlich das Kreuz und die Rippen schmerzen, gab ich auf und legte mich wieder in mein Bett. Die folgenden Wochen liefen ähnlich ab. Ich arbeitete in der Nachmittagsschicht in der Mine, schlief danach mit Mary und trank Bier mit ihr, das ich viel zu oft nachbestellen musste, und wurde in unregelmäßiger Folge von dem mit seinen Hinterbeinen trommelnden Känguru und dem Tschinellen schlagenden Koala um den Schlaf gebracht. Auf dem Gang begegnete ich den beiden Tieren häufig, Frazier hingegen sah ich nie. Die wieder­holten Beobachtungen des Kühlschranks aus meinem Versteck hinter dem Blu­mentrog blieben ohne Ergebnis. Eines Abends kam ich von meiner Schicht nach Hause und wunderte mich, dass die Tür zu meinem Appartment offen stand. Ich ging hinein und sah, dass Mary bereits auf meinem Bett lag. „Es war nicht abge­schlossen“, sagte sie, als ich sie küsste. „Und es gibt Neuigkeiten.“ „Was für Neu­igkeiten?“, fragte ich. „Sieh doch ins Badezimmer“, antwortete Mary. „Du wirst staunen.“ Ich drückte die Türklinke hinunter und entdeckte in der Wanne das di­cke Kanguru und den wie immer dämlich grinsenden Koala. „Wie kommen die hierher?“, fragte ich Mary entgeistert. „Hast du sie gekidnappt?“ „Die Tür zu dei­nem Appartment stand einen Spalt offen“, sagte Mary. „Sie sind von selbst ge­kommen.“ „Aber das ist noch nicht alles“, setzte sie hinzu und strahlte. „Sieh doch einmal nach, was das Känguru in seinem Beutel hat!“ „Kleine Kängurus?“, fragte ich und näherte mich der Wanne. Ich steckte meine Hand vorsichtig in den Beutel des Tieres und zog die erste Bierflasche hervor, danach eine weitere. Sechs Flaschen stellte ich so insgesamt sicher. Danach war das Tier wieder schlank wie ein gewöhnliches Exemplar seiner Spezies. Jetzt strahlte ich. „Danke!“ sagte ich zu Mary. „Endlich ist der Bierdiebstahl geklärt! Das Känguru war also doch nicht schwanger!“ „Aber ich bin es“, lächelte Mary und hielt mir einen positiven Schwangerschaftstest hin. Wir strahlten eine Weile um die Wette. Dann sagte ich zu Mary, dass ich noch etwas zu erledigen hätte. Sie nickte. Ich lief hinauf zu Fra­ziers Appartment und klopfte solange, bis er mir endlich öffnete. Er hatte schwar­ze Ringe unter den Augen und sah verkatert aus und stank nach Bier. „Ich weiß Bescheid“, sagte ich zu Frazier. „Deine Tiere sind unten bei mir. Du kannst sie dir abholen.“ Da fiel Frazier schluchzend auf die Knie und bat mich um Verzeihung für alles. „Ich bin doch schon trocken gewesen“, rief er. „Aber dein Bier ist so der­maßen süffig, dass ich nicht widerstehen konnte. Mein Känguru hat es für mich geklaut.“ In diesem Augenblick tat Frazier mir unendlich leid und ich sagte ihm, dass er aufstehen sollte.

Alles wurde gut. Mary und ich heirateten eine Woche später. Peter und Paul wur­den unsere Trauzeugen. Das Känguru und der Koala trugen die Schleppe von Marys Kleid. Und als wir sechseinhalb Monate später Eltern wurden, nannten wir das Kind nach seinem Paten, Frazier.

Michael, 31. August 2019

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