Bierakel

Obwohl er genug Arbeit hatte, war der Fässerputzer Bierikles mit seiner Gesamtsituation unzufrieden. Ihm war Malzodite, die Tochter des Zyklopen Pilsiphem versprochen. Wenn auch seine eigene Schönheit eher spartanischer Natur war und er für seine Zukünftige durchaus etwas empfand, litt er doch sehr darunter, dass Malzodite als Tochter eines Zyklopen nur ein Auge mitten auf ihrer Stirn besaß, mit dem sie ihn unentwegt anstarrte, wenn sie sich trafen. Bierikles be­zweifelte, dass bei ihm sich später, wenn sie erst einmal verheiratet wären, die nötige Erregung einstellte, wenn er Malzodite in ihr Auge sah, während er ihr beiwohnte, um mit ihr Nachwuchs zu zeugen. In seiner Not nahm Bierikles sich eine Auszeit und reiste zum Bierakel von Hopfesos, um es zu seinen Angelegenheiten zu befragen. Das Bierakel hörte ihn geduldig an und spuckte dann in einem Schwall von Bierschaum ein kleines Stück Papyrus aus, das Bieri­kles sogleich an sich nahm. Trink dir schön, was dir lieb ist, las Bierikles und wusste nicht so recht, was es bedeuten sollte. Er besprach sich mit seinem zukünftigen Schwiegervater, dem Zyklopen, mit dem man offen über alles reden konnte. Das, was Bierikles lieb sei, mutmaßte Pilsiphem, könne nur seine Tochter Malzodite sein. Er schlug vor, dass Bierikles Wasser aus der schön gefassten Quelle von Nymphika trinken sollte, wenn er sich mit Malzodite träfe. Bierikles nahm den Rat an und füllte sich an der Quelle, die ganz in der Nähe war, einen ausgedienten Weinschlauch mit Wasser, aus dem er immer wieder trank, wäh­rend Malzodite ihn wie immer mit ihrem einzigen Auge anstarrte, wenn sie sich trafen. Es fruchtete nichts. Wieviel Wasser Bierikles auch trank, er empfand Malzodites Auge weiterhin als extrem lusttötend. Als er schließlich ernstzuneh­mende Zweifel an dem Spruch des Bierakels hatte, fuhr er wieder nach Hopfesos, um noch einmal nachzufragen. Das Bierakel hörte zwar abermals zu, zeigte aber durch heftiges Geblubber mit Bierschaum an, dass es einigermaßen indigniert da­rüber war, dass Bierikles es schon wieder konsultierte. Schließlich spuckte es aber gnädig ein weiteres Stück Papyrus aus. Die Quelle ist der Bierling, las Bierikles und fragte wieder seinen zukünftigen Schwiegervater um Rat. Für ihn sei es ganz klar, sagte Pilsiphem. Er, Bierikles, müsse kein Wasser trinken, sondern den Bierlingsbecher. Das leuchtete auch Bierikles ein. Er ließ das Quellwasser aus dem Weinschlauch ab und befüllte ihn mit Bier, ehe er sich mit Malzodite traf. Während sie ihn wie gewöhnlich mit ihrem Auge anstarrte, schenkte Bierikles sich ausgiebig Gerstensaft in seinen Bierlingsbecher, zechte und wurde immer betrunkener, bis sich endlich der Effekt einstellte, dass er das Auge auf Malzodites Stirn doppelt sah. Davon wurde Bierikles so erregt, dass er nicht mehr bis zur Hochzeit wartete, sondern Malzodite sofort beiwohnte. Der Zyklop Pilsi­phem, der stets um das Wohl seiner Tochter besorgt war, sah es Bierikles nach, als er davon erfuhr, und drückte sein Auge zu.

Michael, 7. September 2019

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